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12. Dezember 2019

Islamische Theologie in einem säkularen Umfeld

Beachtenswerter Vortrag zum Thema „Islamische Theologie im Europa des 21. Jahrhunderts“

Im Rahmen eines Kooperationsvertrags zwischen dem Zentrum für Islamische Theologie (ZITh) an der Universität Tübingen und der School of Religion & Society (LSRS) in Luxemburg hat der Tübinger Islamprofessor Mouez Khalfaoui im Cercle Municpal einen beachtenswerten Vortrag zum Thema: „Islamische Theologie im Europa des 21. Jahrhunderts“ gehalten.

Das ZITh war das erste Zentrum für Islamische Theologie an einer deutschen Universität, das 2011 eröffnet wurde, um Imame und islamische Religionslehrer akademisch auszubilden. Anders als vielfach angenommen habe gerade der 11. September 2001 der Islamischen Theologie als akademische Lehre in Europa zum Durchbruch verholfen, war die über der Konferenz stehende These des Referenten. Vor diesem Datum habe es bereits ein Fach Islamwissenschaft als akademische Einrichtung gegeben. Dieses Fach habe aber, wie der Islamgelehrte Edward Said behauptet, den Islam nur von außen zu verstehen versucht. Dies habe offenbar nicht ausgereicht, um die Zeitenwende des 11. September 2001 vorherzusagen oder auch nur zu erklären. Die akademische Kritik an der Islamwissenschaft nach dem 11. September 2001 hat so den Weg für die Entstehung neuer Zweige der Islamforschung im Westen mit einer praktischen und sogar pragmatischen Dimension geebnet. Es entstand das Fach „Muslimische Theologie“.

Über die Entstehung dieser Disziplin in Deutschland und ihre Entwicklung in den letzten Jahren ging der Vortrag von Prof. Khalfaoui in Luxemburg. Dabei verdeutliche er sowohl die Vorteile als auch die Herausforderungen einer muslimischen Theologie in einem säkularisierten Umfeld. 2010 hatte der Wissenschaftsrat, das wichtigstes Beratungsgremium der deutschen Bildungspolitik, empfohlen, islamische Studien an deutschen Universitäten einzurichten. Vor allem qualifizierte Lehrer für den islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen sollten dort ausgebildet werden, diese sollten den Koranunterricht aus den Hinterhofmoscheen herausholen. Die Empfehlungen wurden wegen des großen Bedarfs mit großer Geschwindigkeit umgesetzt. An den Universitäten in Münster, Osnabrück, Frankfurt am Main, Tübingen und Erlangen-Nürnberg entstanden Zentren für Islamische Theologie. Die Erwartungen waren groß, viele sahen darin einen Meilenstein für die Integration. Allerdings gab es auch Befürchtungen auf Seiten konservativer Muslime, die Angst hatten, dass der Staat ihnen vorschreiben wolle, was sie zu glauben hätten.

Mit den neuen Zentren hat der muslimische Glaube eine Heimat in der wissenschaftlich-theologischen Diskussion gefunden, das Fach hat sich beeindruckend schnell in Forschung und Lehre etabliert. Rund 1.800 Studenten sind an den Universitäten in die Bachelor- und Masterstudiengänge eingeschrieben. Die Zusammenarbeit mit den muslimischen Verbänden, die in Deutschland die im Islam nicht vorhandene religiöse Autorität ersetzen, erwies sich als schwierig. Die Verbände sind konservativ, zerstritten und zersplittert, und sie müssen mit dem Vorwurf leben, dass sie nur einen kleinen Teil der Muslime repräsentieren. Über sogenannte Beiräte sind sie in die Islamische Theologie an den Hochschulen eingebunden. Sie haben ein Mitsprachrecht, wenn es um Lehrinhalte und Personal geht. Um einen Wandel des Islamverständnisses herbeizuführen, braucht das neue Fach jedoch auch die Anerkennung von den Muslimen in den Gemeinden, so Khalfaoui. Auch vielen Studenten des neuen Faches fiel es zunächst schwer, zwischen Glauben und Wissenschaft zu trennen, denn viele hatten den Islam noch nie aus wissenschaftlicher Perspektive, etwa durch den Blick der Soziologie, Psychologie oder Geschichte, gesehen. Der neue Islam-Unterricht an öffentlichen Schulen soll nicht mehr Glauben vermitteln, wie die Koranschulen, sondern zum Umgang mit Glaubensfragen befähigen.

Die Islamische Theologie hat auch einen gesellschaftlichen Auftrag, der durch Forschung und Lehre erfüllt werden soll, etwa bei Problemen wie Radikalisierung, oder dem fehlenden Wissen über die eigene Religion. Sie muss versuchen, pastoraltheologische Ansätze zu entwickeln, die in unsere Zeit und den europäischen Kontext passen. Als gebürtiger Tunesier genieße er, dass in Deutschland ein gesellschaftlicher, angstfreier Diskurs möglich ist, während dies in den zumeist autoritären oder islamischen Regimen in der arabischen Welt so nicht der Fall ist. Deshalb hat das Zentrum nur sehr wenige Partner in der Islamischen Welt. Dort wird der Islam als eher Politik verstanden denn als Religion, sagte Khalfaoui.

Scharia und Menschenrechte

Im Anschluss an den Vortrag schloss sich eine sehr lebhafte Diskussion, vor allem zu den Fragen des islamischen Rechts, der Scharia, und dessen Vereinbarkeit mit den Menschenrechten an. Die Scharia sei nicht unumstößliches Recht, sondern versteht sich als Weg zur Rechtsauslegung. „Von allen Muslimen, die ich kenne, spricht sich überhaupt niemand fürs Hände-Abhacken aus“, so Khalfaoui. Doch ausgerechnet solche extremen Haltungen würden immer wieder als das Bild für den Islam und sein Recht herangezogen. Dem stimmte auch eine muslimische Fragende bei, die sich beklagte, dass das öffentliche Bild des Islams im Westen immer mehr negativ belastet sei. Mit einem Zitat aus dem Konzilsdokument Nostra Aetate: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat“, beschloss Alberto Ambrosio, der den Bereich des christlich-islamischen Dialogs an der LSRS leitet, diesen denkwürdigen Abend, dem im nächsten Jahr ein ganzer Vortragszyklus zur islamischen Theologie folgen wird.

Bodo BOST bodo.bost lsrs.lu

Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der LSRS

 
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