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3. Juni 2016

Seht, da ist der Mensch!

Eindrücke vom 100. Katholikentag in Leipzig

„Stille vermag zu stillen!“

Ein Katholikentag ist immer ein besonderes Ereignis. Zu erleben, dass Christen auch in einem überwiegend a-religiösen Umfeld, dennoch überwiegend freundlich aufgenommen werden, bleibt für den 100. Katholikentag in Leipzig (25.-29.05.2016) auf jeden Fall in Erinnerung. Trotz der vielen Gäste lag eine frohe-friedvolle Stimmung über der Stadt. Der Abschlussgottesdienst unter freiem Himmel war wie ein Arche-Erlebnis in stürmischen Zeiten.

Es waren auffallend viele junge Katholiken, junge Familien mit Kindern und dann viele ältere bei diesem Katholikentag. Dies macht hoffnungsfroh und traurig zugleich. Wo sind die Katholiken im mittleren Alter? Und warum bleiben sie fern?

Klar ist auch, dass in einer Umgebung, in der Christen in der Minderheit sind, auf der einen Seite die Ökumene eine existentielle und zugleich eine viel selbstverständlichere Rolle spielt. Auf der anderen Seite sind die Angebote der Katholiken in dieser Stadt nicht so marktschreierisch, nicht so offensichtlich. In einer kleinen Seitenstraße in der Innenstadt haben die Jesuiten einen Raum der Stille eingerichtet, in dem jeder Leipziger vorbeischauen und meditieren kann. Bei einer Veranstaltung konnten wir Katholikentagsteilnehmer dieses Angebot unmittelbar erleben. Ja: „Stille vermag zu stillen!“ – und damit wird ein Grundbedürfnis des modernen Menschen nach Besinnung unmittelbar aufgegriffen. Glaubenszeugnis ist in einer solchen Umgebung viel elementarer. Hier finden sich Formen, wie wir uns auf die Zukunft der Christen in Europa vorbereiten können und die zugleich den Menschen helfen.

Neben Kontemplation gab es viele Aktionen: Workshops zu ganz verschiedenen Themen. Viele bewegt die Zukunft der Pfarreien, andere fragen nach neuen Formen der Bibelarbeit. Gesprächsforen zu Themen des interreligiösen Dialogs werden ebenso mit themenbezogenen Liedern angereichert, wie überall in der Stadt auch die Straßenmusikanten eine fröhliche Atmosphäre unterstützen. Der Glaube gewinnt gesellschaftliche Relevanz, wird politisch aktiv, auch wenn es manchen nicht passt. Verantwortung für die (Not der) Menschen, besonders für Flüchtlinge, ist evangeliumsgemäß – auch und gerade in heutiger Zeit und dem scheinbar reichen Europa.

Schließlich sind es aber die persönlichen Gespräche mit Menschen, die man überall an ihren grünen Schals als Kirchentagsteilnehmer erkennt oder die überall an den verschiedenen Ständen ihre Initiativen vorstellen. Begegnungen bereichern und animieren zu neuen Initiativen.

Es bleibt der Eindruck: Die Katholiken sind ein buntes, lebenslustiges und menschenzugewandtes Völkchen, das um die Motivationskraft des Glaubens weiß, der sie befähigt, für ihre jesuanischen Ideale einzustehen. Dieser Katholikentag rund um Fronleichnam war eine besondere Form der Prozession, der Präsentation des Glaubens in der Öffentlichkeit.

Wolfgang Fleckenstein (wolfgang.fleckenstein lsrs.lu)

„Seht, da ist der Mensch!“

Für mich persönlich waren diese Tage ein großes Fest des Glaubens, mit vielen reichen Denkimpulsen, anregenden Begegnungen, wunderbar gestalteten Gottesdiensten. Die Stadt Leipzig hat die rund 40.000 Besucher mit großer Gastfreundschaft empfangen; die Organisation des 400 Seiten starken Programms war (fast) perfekt!

Während der Eröffnungsfeier auf dem Markt wurden wir von Bundespräsident Gauck begrüßt, auch Papst Franziskus war „anwesend“ durch eine Video-Botschaft, die er selber in Deutsch verlas: sein Interesse, seine Ermutigung, seine echte Freude an dem gewählten Motto: Seht, das ist der Mensch! waren spürbar.

Persönlich habe ich mich am meisten darüber gefreut, dass ich Autoren, deren Bücher ich in letzter Zeit gelesen hatte, vor Ort treffen konnte: Holger Dörnemann, mit dem wir ein längeres Gespräch über Kirchenpädagogik führen konnten, Christiane Bundschuh-Schramm (Diözese Rottenburg-Stuttgart) die über lokale Kirchenentwicklung sprach, Thomas Halik (Religionsphilosoph aus Prag) über die Frage nach Gott in einer säkularisierten Welt. Darüber hinaus gab es die Gelegenheit an vielen anregenden Werkstätten teilzunehmen: ein Ort des Teilens der „best practices“: konkrete Inspiration!

Ein starker Moment von spiritueller und ästhetischer Beglückung war ein Motetten-Gottesdienst in der Thomaskirche (wo der sogenannte 5. Evangelist, J. S. Bach, 26 Jahre lang Kantor war!); die tief religiösen Kompositionen (mit musikalischer Top-Besetzung) nicht in einem Konzert, sondern in einem Gottesdienst eingebettet zu erleben, hat mich tief beeindruckt!

Vom Friedensgebet in der Nikolaikirche in der Innenstadt ging vor 27 Jahren die friedliche Revolution aus, die zum Fall der Mauer führte. Es war die “Macht der Kerzen und Gebete”, die den Stein ins Rollen brachte. Heute sind in dieser Stadt nur 20 % der Menschen christlich, 4 % sind katholisch. Wie die Kirche Sauerteig in einer komplexen und vielschichtigen Gesellschaft sein kann, davon wurde etwas spürbar in diesen Tagen. Und wie ein immer wiederkehrender Refrain wurde das Motto durchdekliniert: Seht, da ist der Mensch! Das Wesentliche kann nur auf Augenhöhe geschehen: von Mensch zu Mensch.

In seiner Ansprache erinnerte Gauck an den Theologen Jürgen Moltmann, der unlängst einen Satz von Johannes Rau zitierte: „Die Welt liegt im Argen. Aber da muss sie nicht liegenbleiben.“ Und fuhr fort: „Das gefällt uns, denn das ist die echte christliche Antwort auf die Nöte der Welt und der Menschen.“

Christiane Kremer-Hoffmann (christiane.kremer lsrs.lu)

 
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