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8. April 2019

Heller als das Licht – Gedichte unterwegs zu Gott

Dichterlesung mit Bruder Andreas Knapp am 8. April

Die Lesung mit Erläuterungen und musikalischer Umrahmung fand um 19.30 Uhr im Centre Jean XXIII statt.

Worte können gewöhnlich werden. Die großen Worte unseres Lebens, die einmal so bewegend und feurig waren, sagen uns dann nichts mehr. Selbst die Rede von Gott kann abstumpfen. Am ehesten noch vermag sich die Sprache der Dichtung dem Geheimnis Gottes zu nähern.

Andreas Knapp ist Priester und Poet. Als Mitglied der Ordensgemeinschaft der „Kleinen Brüder vom Evangelium“ hat er viele Jahre als Packer am Fließband gearbeitet. Er engagiert sich derzeit in der Flüchtlingsarbeit und in der Gefängnisseelsorge. Inmitten eines säkularen Umfeldes sucht er nach einer Sprache, in der die religiöse Sehnsucht des Menschen zum Ausdruck kommt. „Seine Gedichtbände zählen zu den am weitesten verbreiteten und sprachlich eindrucksvollsten Beispielen von spiritueller Poesie in unserer Zeit.“ (Prof. Dr. Georg Langenhorst)

Die Lesung wurde musikalisch umrahmt von Marcia Dechmann (Piano) und Anne-Marie Kalmus (Cello).

Sprach|Leib

Einführung von Prof. Dr. Jean Ehret, Direktor der LSRS

Meine Damen und Herren,

Herzlich willkommen zu diesem Abend mit Bruder Andreas Knapp, der uns in seine Welt der Dichtung einführen wird. Er wird dies durch seinen Vortrag und durch die Lesung von Texten tun. Wir freuen uns auf die Begegnung. Begleitet wird er von Frau Marcia Dechmann am Klavier und Frau Anne-Marie Kalmus am Cello. Vielen Dank, dass Sie beide unsere Einladung angenommen haben.

1969 hat Marie-Dominique Chenu einen Artikel veröffentlicht, in dem er auf die Stellung der Literatur in der Theologie einging [1]. Er musste feststellen, dass sie dort keinen Platz hatte. Und ich füge hinzu: wie das gelebte Leben meistens auch nicht. Theologie ist im Laufe der Zeit vielfach zu einer Wissenschaft der geschriebenen Dialektik geworden. Anders ausgedrückt: Theologie schreibt aus Büchern Bücher für Bücher. Sie benutzt ein Vokabular, das selber weder Fleisch noch Knochen hat: Geist soll es sein, weil Gott Geist ist. Vielleicht vergisst man dabei zu schnell, dass jeder Diskurs über Gott, und sei es die Heilige Schrift, menschliches Wort ist, von Menschen zu Menschen gesprochen, getragen von Stimmen, Gesten, Leben. Die erste Theologie ist übrigens kein Buch, sondern Fleisch und Blut. Verbum caro factum. Inkarnation. Auch Jesu Vermächtnis ist nicht ein Text, sondern sein Leib und sein Blut.

Sprache kann dies, Körper haben, Leben vermitteln, Dichte, Gegenwart – von sich aus. Institutionen können sie dessen berauben, damit sie nicht zur Konkurrenz wird. Denn alle Macht ist auch wort|mächtig. Sprache, die den Menschen nicht nur im Kopf, und dort in seinem Abstraktionsvermögen, sondern mit allen Sinnen anspricht, ist mächtig, kann einen gewaltigen Eindruck erwirken. Dann sind wir aber bei dem, was Literatur, was Dichtung ist. Zunächst dichte Sprache, selber Gegenwart, die sich in dem, der sich ihr öffnet, entfaltet, indem sie ihn selber an der Gestaltwerdung ihres Lebens teilnehmen lässt. Die Dichte der Literatur wird dort zur Lebensdichte, wo der Hörer des Wortes im Zusammenspiel mit dem Wort dessen fiktionales Leben produziert [2].

Dichtung, Literatur, sind die Träger der Sakramentalität des Gotteswortes. Und sie sind dessen Lebendigkeit. Im Hören, im Schreiben. Denn wenn der Schreibende sich dem Wort überlässt, kommt in die Feder, was nicht in den Sinn kommt. Schreiben entwickelt eine Eigendynamik, lässt Bilder entstehen, die oft im Fragment einen neuen Zugang zur Welt öffnen. Durch ein Bild kann das große Bild sich neu formen, an Tiefe gewinnen [3].

Vielleicht vermissen Sie bis jetzt ein Wort, nämlich Sinn. Die Frage, ob Jesus denn jemals gesagt hätte, er würde den Sinn des Lebens verkünden, ist natürlich zu kurz gegriffen, und doch weist sie auf etwas hin. Er predigte, das Reich Gottes sei nahe, zum Greifen nahe, gegenwärtig, präsent. Worte vermögen es, Präsenz zu schaffen. [4].

Theologie kann von der Dichtung als Form von Literatur viel lernen, wenn sie sich selber wieder als Menschenwort versteht, aus Gotteswort, mit Gott, über Gott und Welt, zu den Menschen gesprochen. Wenn sie sich auf die doppelte Wortdynamik einlässt, die Dynamik des Menschenwortes aus Gotteswort, das doch das Menschenwort misst, in dem es als Gotteswort eine menschliche Gestalt annimmt.

Deshalb freue ich mich auf die Begegnung mit Ihnen, Bruder Andreas Knapp. Vielen Dank, dass Sie hier sind.


[1Marie-Dominique Chenu, « La littérature comme “lieu” de la théologie », in Revue des sciences philosophiques et théologiques 53 (1), 1969, 70-80.

[2Marc-Mathieu Münch, L’effet de vie ou le singulier de l’art littéraire, Bibliothèque de littérature générale et comparée 46, Paris, Champion, 2004.

[3Wolfgang Welsch, Ästhetisches Denken, 7e éd. Reclams Universal-Bibliothek 8681, Stuttgart, Reclam, 2010, 49-53.

[4Hans Ulrich Gumbrecht, Diesseits der Hermeneutik: die Produktion von Präsenz, traduit par Joachim Schulte, Edition Suhrkamp 2364, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2010.

Einladung zur Dichterlesung
PDF 181.8 kB, 18. Januar 2019
 
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