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« pray » – Fotoausstellung und Buch über religiöse Gemeinschaften in Luxemburg  
21. Juli 2017

pray – Ein Bildband über das Gebet in Luxemburg

Rezension von Hubert Hausemer, Philosophielehrer i. R.

Ein Buch zum Thema „Gebet“, was kann das wohl sein? Was darf man sich davon erwarten? Meistens gehören solche Veröffentlichungen zu einer von zwei Kategorien. Einerseits gibt es die Sammlungen, die Gebetsanthologien: Gebete aus verschiedenen Epochen, Religionen und Spiritualitäten, von verschiedenen Verfassern niedergeschrieben, werden zusammengetragen. Dabei sind die bekannten Gebetsarten vertreten: Bitt-, Lob- und Dankgebete, ganz persönliche Gebete, kontemplative und mystische Gebete, sowie neuerdings auch transpersonale Gebete. Hier kann jeder sich aus dem reichen Schatz, der sich in Jahrhunderten angesammelt hat, bedienen und die Gebete und Gebetsformen aussuchen, die ihn ansprechen und in denen er sich mit seinen Anliegen wiederfindet. Es gibt aber auch zum Thema „Gebet“ Bücher anderer Art: es sind Einführungen ins Gebet. Sie geben Anleitungen zum Beten, Hilfestellungen, eventuell vermittels ganz konkreter Übungen und Hinweise zur eigenen Praxis.

„pray“ hat sehr wohl auch etwas von diesen beiden Gattungen, aber im wesentlichen handelt es sich doch um einen ganz anderen Zugang zum Gebet. Hier wird das Gebet ins Bild gesetzt, oder genauer noch: hier werden uns Bilder gezeigt vom Beten. Zwar hat Jean Ehret, der Direktor der Luxemburg School of Religion & Society, die als Herausgeberin zeichnet, nicht Unrecht, in seinem Grundsatzartikel darauf hinzuweisen, dass der Titel des Buches, nämlich „pray“, im Englischen eigentlich einen Imperativ ausdrückt, also „Bete“! Wichtiger aber ist wohl zu bemerken, worauf übrigens Ehret auch hinweist, dass wir es bei diesem Titel in erster Linie mit einem Verb, einem Tätigkeitswort, zu tun haben. Und diese Tätigkeit, d. h. der Akt des Betens, wird hier ins Bild gesetzt. Auf den Fotos vor uns sehen wir Betende, Menschen also, von denen jeder, auf seine Art und inspiriert von der Glaubensgemeinschaft, der er eventuell angehört, den Akt des Betens vollzieht, in seiner Körperhaltung, in seinen Gesten, in dem Ausdruck seines Gesichts.

Bemerkenswert sind dabei Unterschiede wie offene und geschlossene Augen, gefaltete und geöffnete Hände, asiatische Sitzformen aber auch Liegen, Verbeugungen und aufrechtes Stehen. Aber allen Betenden gemeinsam, durch die einzelnen Religionen und Spiritualitäten hindurch, ist der Ausdruck innerer Sammlung, eine Einstellung die, frei nach Ehret, sich vom Tages- und Lebensablauf absetzt, die Oberfläche des Alltags durchbricht und über das übliche Leben hinausgreift.

In diesem Zusammenhang sei mir ein kleiner Exkurs erlaubt. Dieter Hattrup, der bekannte Theologe, Mathematiker und Physiker, hat in einem vor ein paar Jahren erschienenen Buch geschrieben, wir Menschen seien „Produkte der Evolution, deshalb auch die Enkel von Siegern im Kampf ums Dasein, und die Antriebe dieses Kampfes sind, ins menschliche Leben gebracht, Macht, Geschlechtlichkeit und Geld“ [1]. Wenn wir beten, stellen wir diesen darwinischen Kampf ein, immer wieder, wenn auch nur für kurze Zeit; wir entziehen uns dem darwinischen Modell, handeln gewissermaßen unnatürlich. Das bedeutet nichts anderes, als dass wir beim Beten „aus dem darwinischen Leben aussteigen und mit dem geistlichen Leben beginnen“ [2]. Es ist dieses Sichzurückziehen, dieses Erklimmen einer andern Stufe, die in den Bildern der Betenden auf eine beeindruckende Art zum Ausdruck kommen.

Der Bildband selbst entstammt einer Wanderausstellung, die 2016 in Luxemburg gezeigt wurde. 15 Religionsgemeinschaften werden vorgestellt, mit zusätzlich einer nicht-religiösen Gemeinschaft. Eingeleitet wird der Band vom Fotografen und Initiator des Projektes, Christian Sirsch, und von Premier Xavier Bettel. Beide heben zu Recht die kulturelle und religiöse Vielfalt Luxemburgs hervor und weisen darauf hin, dass dieses Buch einen Beitrag leisten kann zu gegenseitiger Verständigung und Toleranz. Wobei das Buch durchaus das unterstützen kann, was ich die „echte“ Toleranz nennen möchte. Echte Toleranz ist nicht die alles relativierende, der Indifferenz nahestehende Toleranz, wie sie die Aufklärung propagierte, nach dem Motto: wir sind alle begrenzt, fehlbar, und vermögen keine Wahrheit zu erfassen; also lasst uns uns dulden ohne uns weh zu tun. „Echte“ Toleranz beruht demgegenüber darauf, dass man zu seiner Wahrheit steht und trotzdem Andersdenkende und -glaubende nicht nur erträgt, sondern gerade in ihrer Alterität friedlich annimmt und anerkennt. Das aber geschieht in diesem Fotoband schon allein dadurch, dass alle Religionsgemeinschaften, inklusive die nicht-religiöse, gleich behandelt werden, sowohl was die Bilder als auch den zur Verfügung stehenden Raum für Erklärungen und Gebetstexte anbelangt.

Aus dem bemerkenswerten Grundsatzartikel von Jean Ehret möchte ich noch auf einen Punkt eingehen, an dem noch einmal klar wird, dass „pray“ nicht nur Bilder zeigt und Gebetstexte vorstellt, sondern überhaupt in vielfacher Weise zum Denken anregt. (Wie schon gesehen, werden Fragen aufgeworfen zum Thema Gebet und Alltagsleben, sowie zur „echten“ Toleranz und Toleranz-light). So schreibt Ehret: „Auch der neue Atheismus hat den Anspruch, eine Spiritualität zu entwickeln“. Damit ist die Frage gestellt nach dem Verhältnis von Religion und Spiritualität, eine eminent aktuelle Frage. Nebenbei bemerkt: der Wortlaut selbst des Buches schwankt zwischen Religion und Spiritualität, Religionsgemeinschaft und spiritueller Gemeinschaft.

Bis vor kurzem schien es selbstverständlich, dass Religion und Spiritualität, wenn auch nicht strikt identisch, so doch so eng verwoben sind, dass eine Spiritualität außerhalb des Feldes der Religion undenkbar war, sie also ipso facto als wesentlich religiös erschien. Seit den 90er Jahren aber arbeiten z. B. in Frankreich Luc Ferry und André Comte-Sponville an einer, für den ersten laizistischen, für den anderen ausdrücklich atheistischen Spiritualität [3]. Einige Jahre später tauchten dann in den angelsächsischen Ländern ähnliche Bemühungen auf, bei den sog. „Neuen Atheisten“, auch „Brights“ genannt (Richard Dawkins, Daniel Dennett, Christopher Hitchens, Sam Harris), sowie bei ihrem deutschen Ableger, der „Giordano Bruno Gesellschaft“, vor allem in der Person ihres Vorstandssprechers Michael Schmidt-Salomon.

Damit stellt sich natürlich die Frage, was Spiritualität als solche eigentlich ist und will, was sie gemeinsam hat mit der Religion, worin sie sich aber auch von ihr unterscheidet. Diese Frage ist umso wichtiger, als unterdessen der Gehalt des Wortes ’Spiritualität’ in einem Wirrwarr von grundverschiedenen und zudem größtenteils obskuren Bedeutungen unterzugehen droht.

In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, dass, wie schon angemerkt, auch eine nicht-religiöse Gemeinschaft in „pray“ vorgestellt wird. Allerdings ist mir nicht klar, trotz des Zeugnisses eines Mitglieds, ob „Pleine Conscience“ wirklich eine spirituelle Bewegung ist, die sich also an erster Stelle an geistigen Werten orientiert, oder eher im psychisch-therapeutischen Bereich wirksam werden will. Dass sie spiritualitätskompatibel ist, also günstige Bedingungen für ein spirituelles Leben schaffen kann, soll aber auf keinen Fall abgestritten werden. In diesem Zusammenhang wäre übrigens auch zu fragen, wie weit einzelne Richtungen des Buddhismus nicht auch vorwiegend nicht-religiöse Spiritualitäten darstellen, wenn sie überhaupt noch zu den spirituellen Gemeinschaften zu rechnen sind. Das wird zumindest nahegelegt durch die Aussage des Vertreters des tibetischen Buddhismus, demzufolge der Buddhismus „am akkuratesten […] vielleicht als “Wissenschaft des Geistes“ zu bezeichnen” wäre. Auf jeden Fall ist es ratsam, den Blick über die genuin religiösen spirituellen Gemeinschaften hinaus zu weiten.

Vorhin wurde darauf hingewiesen, dass „pray“ auch Gemeinsamkeiten mit den klassischen Büchern zum Thema Gebet aufweist. So werden die 15 religiösen Glaubensgemeinschaften uns nicht nur im Bild vorgestellt, sondern daneben finden wir auch jeweils charakteristische Gebetstexte. Diese werden dem Leser auch dadurch nahegebracht, dass sie begleitet und eingeleitet werden durch persönliche Zeugnisse von Vertretern dieser spirituellen Ausrichtungen. Hinzu kommt im 2. Teil des Buches die Vorstellung der einzelnen Gemeinschaften: ihre geschichtliche Entstehung und Entwicklung; bei mehreren wird uns zudem ihre Niederlassung in Luxemburg geschildert und werden Kontaktadressen geliefert. Schließlich finden wir ganz am Schluss eine Anleitung in Form von „Aufträge(n) und Leitfragen als Hilfe zur Erschließung der Projektidee“.

Dass dieser Bildband auch zum Denken anregt, und zwar in vielfacher Weise, wurde schon gesagt. Dem könnte man nun entgegenhalten, dass das Projekt „pray“ doch wohl aber in erster Linie das Beten zeigen und von da aus eventuell zum Beten anhalten will. Beten und Denken schließen sich jedoch nicht aus: ist in jedem Beten nicht auch ein Gottesbild, wenn nicht sogar eine ganze Theologie, eingeschlossen und gegenwärtig, und damit auch ein bestimmtes Menschenbild? Zum Schluss sollen deshalb hier einige ganz subjektiv ausgewählte Zitate aus den Begleittexten angeführt werden, ohne Kommentar und ohne Bewertung, die dazu anregen können, das Beten zu denken und zu überdenken, und von da aus vielleicht auch zum Beten selbst führen könnten.

  • Beten heißt mit, Gott reden, Meditieren heißt, Gott zuhören.
  • Prayer brings hope, healing and new life.
  • Ich versenke mich in eine innerlich spürbar werdende Verbundenheit mit dem größeren Ganzen.
  • Ich habe meine Gebete, um Beistand für meine Projekte zu bekommen. Beten hilft. Ich habe immer wieder Bestätigung bekommen. Man muss aber beten und sich einsetzen, damit es in Erfüllung geht.
  • Der Mensch muss Beziehungen haben. Und die erste Beziehung des Menschen ist zu Gott.
  • Ich vergleiche die Beziehung [zu Gott] mit einer freundschaftlichen Beziehung. Wenn ich die nicht pflege, geht die Freundschaft irgendwann in die Brüche.
  • Ich bete, um zu mir selbst zu kommen, und mich dadurch für Gott zu öffnen.
  • Ich versuche, die engen Grenzen des Egos zu durchbrechen, mich selbst zu vergessen.
  • Beten bedeutet für mich Hoffnung, Stärke und Ruhe.
  • [Das Gebet ist] der Moment, in dem ich weiß, dass Er mir zuhört, und von dem ich weiß, dass ein aufrichtiges Gebet von ihm erhört wird.
  • Viel wichtiger als die Frage, ob Gott meine Bitten erfüllt oder nicht, ist aber die Tatsache, dass ich durch das Beten von Gott Kraft für mein Leben bekomme.
  • Wir sind ein Teil vom Ganzen, von der Schöpfung. Wenn ich still bin, fühle ich, dass ich so zur Natur gehöre wie auch die Bäume, Tiere, Pflanzen, unsere Erde. Wir gehören alle zusammen.
  • Beten ist sehr wichtig. Es ist nicht wichtig, wie man betet. Hauptsache ist, dass man betet und oft im Gespräch mit Gott bleibt.
  • Das Gebet gibt mir vor allem die Überzeugung und den Glauben, dass ich alles und jede Situation in meinem Leben ändern kann.
  • Über das Gebet komme ich in die Liebe im Umgang mit meinen Mitmenschen. Das Gebet ist eigentlich letztendlich ein Gespräch mit unserer eigenen Natur.

[1Dieter Hattrup, Die heilsame Sturheit der Kirche. Eine Streitschrift, Herder, Freiburg i. Br., 2012, S. 59.

[2Ibid., S. 49.

[3Luc Ferry, La Révolution de l’Amour. Pour une spiritualité laïque, Plon, Paris, 2010; André Comte-Sponville, L’esprit de l’athéisme. Introduction à une spiritualité sans Dieu, Albin Michel, Paris, 2006 (dieses Buch ist auch in deutscher Übersetzung verfügbar).

 
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