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23. Dezember 2017

Von den vielen Gesichtern der Armut und vom wahren Reichtum

Biblische Betrachtungen zur Option Gottes für die schwachen und unterdrückten Menschen von Prof. Dr. habil. Georg Rubel

Papst Franziskus ist anders als seine Vorgänger. Unmittelbar nach seiner Wahl zum Pontifex am 13. März 2013 erscheint er nicht mit roter Mozetta, prunkvollem Pektorale, mit Brokat bestickter Stola und roten Schuhen, sondern in einer einfachen weißen Soutane und mit dem blechernen Brustkreuz, das er bereits als Weihbischof in Buenos Aires trug, auf der Mittelloggia des Petersdoms. Dieses erste Auftreten versinnbildlicht den Namen, den er sich gegeben hat und der zum Programm seines Pontifikates werden soll: Franziskus. Nach dem Vorbild seines Namenspatrons, des heiligen Franz von Assisi, rückt der Papst aus Lateinamerika immer wieder die Armen in den Fokus seiner Verkündigung, indem er ihnen einerseits verbal seine besondere Aufmerksamkeit widmet (vgl. die Zitate von Papst Franziskus zum Thema Armut) und ihnen andererseits auch ganz konkret seine liebevolle Zuwendung schenkt, wie das folgende Beispiel eindrucksvoll illustriert.

Erster Welttag der Armen in Rom

Erst jüngst, am 19. November 2017 und damit kurz vor Weihnachten, feierte Papst Franziskus den ersten Welttag der Armen. Nach einem Gottesdienst im Petersdom mit mehreren tausend Menschen, darunter vor allem Arme, Bedürftige, Gruppen der Caritas und freiwillige Helfer, lud er 500 Menschen in Not zu einem Mittagessen in die vatikanische Aula Paul VI. ein. Das Anliegen des Papstes kommt in dem offiziellen Logo und dem Motto des Welttages der Armen zum Ausdruck. Das Logo zeigt eine geöffnete Tür und zwei Menschen, die einander zugewandt sind und sich die Hand ausstrecken. Darunter steht: „Liebt nicht in Worten, sondern in Taten“. Dazu schreibt Franziskus: „Gepriesen sind also die Hände, die sich den Armen entgegenstrecken, um zu helfen, denn es sind Hände, die Hoffnung bringen. Gepriesen die Hände, die jegliche Schranke der Kultur, der Religion und der Nationalität überwinden, indem sie das Öl des Trostes in die Wunden der Menschheit gießen. Gepriesen die Hände, die sich öffnen ohne eine Gegenleistung zu erwarten, ohne Wenn und Aber und ohne Vielleicht: Solche Hände lassen über die Brüder und Schwestern den Segen Gottes herabkommen!“

Viele Gesichter der Armut

Es sind viele Gesichter, mit denen uns die Armut in der heutigen Zeit anblickt und uns jeden Tag aufs Neue begegnet: materielle Not, körperlicher und seelischer Schmerz, soziale Ausgrenzung, rechtliche Unterdrückung, religiöse Diskriminierung, sexueller Missbrauch, Mobbing, Arbeitslosigkeit, Menschenhandel, Sklaverei, Flucht, Migration, Gewalt, Folter, Gefängnis, Krieg, Terrorismus. Diese Liste lässt sich leider Gottes noch beliebig verlängern. Sie zeigt, dass Armut nicht einfach das Gegenteil von Reichtum bedeutet, sondern ein vielschichtiges Phänomen darstellt.

Verschiedene Formen von Armut im Alten Testament

Wie in unseren Tagen, so ist auch damals in Israel Armut eine überall erfahrbare und stets gegenwärtige Realität im Leben der Menschen. Sie lässt sich zunächst als eine rein soziale Kategorie begreifen und impliziert den Mangel an materiellen Gütern. Besonders bedroht von Armut sind Bauern, die sich aufgrund von schlechten Ernten verschulden, ihr Land verlieren und schließlich als Tagelöhner oder sogar als Bettler ihr Dasein fristen müssen. Zur armen Bevölkerungsschicht gehören auch Witwen und Waisen, die über keinerlei Rechtsschutz und wirtschaftliche Absicherung verfügen und infolgedessen benachteiligt werden. Zur Überwindung dieser Situation wird in Israel ein Armenrecht erlassen, das unter anderem Schutz vor Ausbeutung und Unterdrückung sowie Hilfe durch Verbot des Zinsnehmens und Einschränkungen im Pfandrecht vorsieht (vgl. Ex 22,21-26). Außerdem gelten für das Sabbatjahr (nach sechsjähriger Bebauung wird das Land in Analogie zum Sabbat als Ruhetag ein Jahr lang brach liegen gelassen), die Bestimmungen, dass Schuldsklaven wieder freigelassen werden (vgl. Ex 21,2) und der Ertrag des Landes den Armen gehört (vgl. Ex 23,10f.).

Die Zunahme der Armut in Israel führt dazu, dass das profane Problem nun auch zu einem religiösen wird. Es sind die Propheten, die im Namen Jahwes gegen die sozialen Ungerechtigkeiten und für das Recht der Unterdrückten auftreten. Allen voran Amos, der lautstark die desaströsen Zustände in der Gesellschaft anprangert und das Gewinnstreben und Luxusleben der reichen Oberschicht auf Kosten der armen Bevölkerung anklagt: „Weil ihr vom Hilflosen Pachtgeld annehmt und sein Getreide mit Steuern belegt, darum baut ihr Häuser aus behauenen Steinen und wohnt nicht darin, legt ihr euch prächtige Weinberge an und werdet den Wein nicht trinken. Denn ich kenne eure vielen Vergehen und eure zahlreichen Sünden. Ihr bringt den Unschuldigen in Not, ihr lasst euch bestechen und weist den Armen ab im Tor.“ (Am 5,11f.; vgl. auch Am 2,6f.; 4,1; 8,4-6). Vor diesem Hintergrund versteht sich der Arme als der Unrechtleidende und Unterdrückte, der sich hilflos und demütig im Gebet an Gott wendet. In den Psalmen identifiziert sich der Beter mit dem Armen und bittet Gott um Rettung aus seiner ausweglosen Situation: „Wende dich mir zu und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und arm! Ängste haben mein Herz gesprengt, führe mich heraus aus meiner Bedrängnis! Sieh meine Armut und Plage an und nimm hinweg all meine Sünden!“ (Ps 25,16-18; vgl. auch 40,18; 69,30; 86,1; 109,22). Gott wird als derjenige gepriesen, der die Not der Armen lindert: „Die Sehnsucht der Elenden hast du gehört, Herr, du stärkst ihr Herz, dein Ohr nimmt wahr, Recht zu verschaffen der Waise und dem Bedrückten.“ (Ps 10,17f.; vgl. auch Ps 9,5.10.13.19; 10,12.14; 72,2-4; 132,15). Armut avanciert nunmehr zu einer geistigen Haltung. Der Arme ist der Demütige und Fromme, der seine Hoffnung ganz auf Gott setzt und von ihm Hilfe erwartet.

Gottes Option für die Armen im Neuen Testament

Die alttestamentlich-jüdische Vorstellung, dass Gott als der Anwalt der Armen fungiert und diese unter seinem besonderen Schutz stehen, setzt sich im Neuen Testament fort: „Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lk 1,51-53). Das, was Maria im Magnificat besingt, erreicht im Christusgeschehen seinen unüberbietbaren Höhepunkt. In Jesus von Nazaret bekommt die Option Gottes für die Armen ein konkretes Gesicht und nimmt menschliche Gestalt an. Das kleine Kind in der Krippe ist der beste Beweis dafür, dass es Gott ernst meint mit seiner Sorge für alle Menschen, die in Not sind, Unrecht erleiden und am Rande der Gesellschaft stehen. Sämtliche Motive der Weihnachtsgeschichte, wie sie uns Lukas am Anfang seines Evangeliums erzählt (vgl. Lk 2,1-20), weisen in diese Richtung. Jesus wird unter ärmlichen Bedingungen in einem Stall in Betlehem geboren. In der Herberge ist kein Platz. Jesus ist somit vom ersten Moment seines Lebens an ein Abgeschobener und Ausgegrenzter. Er soll der Retter, der Messias, der Herr sein? Der Futtertrog, der der Nahrungsaufnahme für Tiere dient, wird umfunktioniert zu einer Wiege für den Säugling. Ist das menschen-, geschweige denn gotteswürdig? Die Ersten, die von der Geburt Jesu erfahren, sind Hirten. Sie gehören zur armen Bevölkerungsschicht und zu den Marginalisierten der Gesellschaft. Ist es ein Zufall, dass gerade sie von Gott auserwählt werden, die Freudenbotschaft des Engels zu vernehmen? Noch eindrücklicher könnte es Lukas in seiner einfachen und schlichten Erzählung kaum darstellen, dass Gott auf der Seite der Armen und Bedürftigen steht.

Die Option Gottes für die Armen, die beim Kind in der Krippe beginnt, durchzieht wie ein roter Faden das Leben und Wirken Jesu bis hin zu seinem Tod am Kreuz und zu seiner Auferstehung. Bei seiner Antrittspredigt in der Synagoge von Nazaret zitiert Jesus den Propheten Jesaja mit den Worten: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ (Lk 4,18f.; vgl. Jes 61,1f.). Er preist die Armen (vgl. Lk 6,20, damit sind die materiell Armen gemeint, also die Besitz- und Mittellosen) bzw. die Armen im Geiste (vgl. Mt 5,3, damit sind die spirituell Armen gemeint, also die Demütigen und Frommen) selig und spricht ihnen das Reich Gottes zu.

Jesus belässt es aber nicht bei Worten, sondern er ist auch ein Mann der Tat. Er heilt Blinde, Lahme, Aussätzige und Taube (vgl. Lk 7,22) und schenkt ihnen die Gesundheit zurück. Mehr noch: Er führt diese Menschen, die durch ihre Krankheit von der Gesellschaft ausgegrenzt wurden, wieder zurück ins Leben. Zugleich warnt er vor den Gefahren des Reichtums (vgl. Lk 6,24f.; 16,19-31). Dem Mann, der in seine Nachfolge eintreten will, fordert er dazu auf, seinen gesamten Besitz zu verkaufen und alles an die Armen zu verteilen, um einen Schatz im Himmel zu haben (vgl. Lk 18,18-30). Am Ende seines Lebens muss Jesus diese radikale Armut am eigenen Leib erfahren. Nackt und bloß, elendig und erbärmlich stirbt er zwischen zwei Verbrechern einen schmachvollen Tod am Kreuz (vgl. Lk 23,39-46), wird aber von Gott von den Toten auferweckt, weil dieser seiner Option für die Armen treu bleibt.

Vom wahren Reichtum

Nach dem Vorbild Jesu, der nicht nur mit seinen Worten, sondern auch mit seinen Taten die Option Gottes für die Armen konkret erfahrbar werden lässt und diese personifiziert, begnügt sich der heilige Franz von Assisi nicht damit, zu den Armen zu gehen, sondern mit ihnen zu leben. Die Begegnung mit ihnen stellt für ihn nach eigener Aussage sein Bekehrungserlebnis dar: „Als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.“ (Testament 1-3). In seinem Schreiben zur Ankündigung des ersten Welttages der Armen verweist Papst Franziskus auf das Beispiel seines Namenspatrons und fordert uns auf zu einer Haltung des Teilens und zu einer wirklichen Begegnung mit den Armen. Dieser neue Lebensstil verhindert, dass wir Geld und Reichtum, Karriere und Macht, Besitz und Luxus zu unserem Lebensziel machen. Diese Güter sind allesamt vergänglich. Unvergänglich ist dagegen die Liebe zu Gott und zum Nächsten, weil sie uns im Innersten zu verwandeln vermag und wir im Dienst an den Armen vom wahren Reichtum beschenkt werden. Dann wird wirklich Weihnachten.

Zitate von Papst Franziskus zum Thema Armut

„Ach, wie sehr möchte ich eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen!“ (Begegnung mit Medienvertretern am 16. März 2013)

„Wir alle sind gerufen, arm zu sein, uns von uns selbst zu entäußern; und deshalb müssen wir lernen, den Armen nah zu sein, mit den Menschen zu teilen, denen das Notwendigste fehlt, das Fleisch Christi zu berühren! Ein Christ beschränkt sich nicht darauf, über die Armen zu reden, nein! Ein Christ geht auf sie zu, er sieht ihnen in die Augen, er berührt sie.“ (Begegnung mit den von der Caritas betreuten Armen in Assisi am 4. Oktober 2013)

„Der Aufruf, auf den Schrei der Armen zu hören, nimmt in uns menschliche Gestalt an, wenn uns das Leiden anderer zutiefst erschüttert.“ (Nr. 193 des Apostolischen Schreibens Evangelii Gaudium vom 24. November 2013)

„Die Armen. Die Armen stehen im Mittelpunkt des Evangeliums, sind das Herzstück des Evangeliums. Wenn wir die Armen aus dem Evangelium herausnehmen, können wir die gesamte Botschaft Jesu Christi nicht verstehen.“ (Predigt in einer Eucharistiefeier mit Bischöfen, Priestern und Ordensleuten in Manila am 16. Januar 2015)

„Es gibt immer jemanden in unserer Nähe, der in Not ist, materiell, emotional oder spirituell. Das größte Geschenk, das wir ihnen machen können, ist unsere Freundschaft, unser Interesse, unsere zärtliche Zuwendung, unsere Liebe zu Jesus. Ihn zu empfangen, bedeutet, alles zu besitzen; ihn zu schenken, bedeutet, das größte aller Geschenke zu machen.“ (Begegnung mit Jugendlichen in Manila am 18. Januar 2015)

[Artikel am 23. Dezember 2017 im Luxemburger Wort veröffentlicht, Weihnachtsbeilage, S. 4-5.]

Prof. Dr. habil. Georg RUBEL georg.rubel lsrs.lu

Professor für Biblische Theologie

 
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