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25. März 2017

Mit den Augen des Herzens

Prof. Dr. habil. Georg Rubel

Zu meinen Lieblingsbüchern gehört die Erzählung „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry, deren Inhalt Ihnen sicherlich bekannt ist.

Auf seiner Reise von Planet zu Planet trifft der von einem Asteroiden kommende kleine Prinz immer wieder auf Menschen, die nur mit sich selbst beschäftigt sind und dabei die wirklich wichtigen Dinge des Lebens übersehen. Den Höhepunkt der Erzählung bildet die Begegnung des kleinen Prinzen mit dem Fuchs, wie sie uns im 21. Kapitel des Buches geschildert wird. Zum Dank für seine Freundschaft macht der Fuchs dem kleinen Prinzen ein Geschenk und verrät ihm sein Geheimnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Jetzt werden Sie sich fragen, was die Geschichte vom kleinen Prinzen mit dem Evangelium vom vierten Fastensonntag zu tun hat. In beiden Erzählungen geht es, wenn auch in einem anderen Zusammenhang, um das gleiche Thema: Sehen mit den Augen des Herzens.

Analog zum Evangelium vom letzten Fastensonntag handelt es sich bei Joh 9,1-41 um eine lange Perikope, die vom Verfasser des Johannesevangeliums kunstvoll konzipiert und als inhaltliche Einheit geschaffen wurde. Im ersten Teil des Kapitels (Joh 9,1-7) wird von der Heilung eines Blindgeborenen durch Jesus am Teich Schiloach erzählt. Diese Blindenheilung provoziert eine Reihe von Dialogen, die sich über das restliche Kapitel (Joh 9,8-41) erstrecken. Die Nachbarn, die ihn von früher kennen, können nicht glauben, dass er auf einmal sehen kann (Joh 9,8-12) und bringen den Geheilten zu den Pharisäern. Diese befragen den Blindgeborenen, wie er geheilt wurde, und nehmen daran Anstoß, dass Jesus ihn an einem Sabbat geheilt hat (Joh 9,13-17). Weil die Juden nicht glauben wollen, dass er blind war und nunmehr sehen kann, erkundigen sie sich bei den Eltern des Geheilten nach dessen familiärer Identität (Joh 9,18-23). Auf den Vorschlag der Eltern hin, ihren Sohn persönlich nach seiner Heilung zu befragen, kommt es zu einem Verhör des Geheilten durch die Pharisäer, in dessen Verlauf der Blindgeborene als Sünder angeklagt und schließlich von den Pharisäern verstoßen wird (Joh 9,24-34). Wie gut, dass die Erzählung an dieser Stelle nicht endet, sondern eine positive Fortführung erfährt.

In den letzten Versen des Evangeliums wird eine neuerliche Begegnung zwischen Jesus und dem Blindgeborenen geschildert (Joh 9,35-41). Jesus trifft auf den Mann, den er geheilt hat, und stellt ihm ganz unvermittelt die Frage, ob er an den Menschensohn glaube. Der Geheilte antwortet mit einer Gegenfrage, wer denn der Menschensohn sei, damit er an ihn glauben könne. Daraufhin offenbart sich Jesus dem Blindgeborenen mit den Worten: „Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es.“ (Joh 9,37). Auf diese Selbstoffenbarung Jesu reagiert der Geheilte mit einem doppelten Bekenntnis. Er artikuliert seinen Glauben (verbales Bekenntnis) und er wirft sich vor Jesus nieder (nonverbales Bekenntnis). Mit diesem happy end könnte die Erzählung zu Ende sein, doch Jesus wendet sich abschließend an die Pharisäer und formuliert das Ziel seiner Sendung: „damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden.“ (Joh 9,39). Ein hartes Wort. Am Blindgeborenen und an den Pharisäern hat es sich erfüllt.

Die Pharisäer sehen, und doch sehen sie nicht, obwohl sie eigentlich sehen könnten. Trotz ihres Wissens erkennen sie Jesus nicht, bleiben durch die Ablehnung seiner Person im Unglauben verhaftet und ziehen sich dadurch das Gericht zu. Es ist paradox und tragisch zugleich: Die Pharisäer halten sich selbst für sehend, aber in Wahrheit sind sie blind. Ihnen gegenüber steht der Blindgeborene. Er ist blind, wird aber von Jesus in doppelter Hinsicht geheilt. Zunächst bekommt er von Jesus das Augenlicht geschenkt. Daraufhin kann er Jesus als Menschen sehen, aber noch nicht als Menschensohn erkennen. In einem zweiten Schritt öffnet ihm Jesus die Augen des Herzens, so dass der Blindgeborene wahrhaft sehend wird. Er kommt zum Glauben an Jesus und bekennt diesen Glauben. Für die Lesenden des Evangeliums fungiert der Blindgeborene als positive Identifikationsfigur. Zusammen mit ihm soll er sich von Jesus die Augen des Herzens öffnen lassen und sehend werden für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. In diesem Punkt berühren sich die Erzählung vom kleinen Prinzen und das Evangelium vom vierten Fastensonntag.

[Artikel am 25. März 2017 im Luxemburger Wort veröffentlicht, S. 31.]

Prof. Dr. habil. Georg RUBEL georg.rubel lsrs.lu

Professor für Biblische Theologie

 
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