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24. Dezember 2016

Macht in Ohnmacht – Zur Paradoxalität der biblischen Botschaft vom Kind in der Krippe

Prof. Dr. habil. Georg Rubel

Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.“ Das, was der deutsche Philologe, Philosoph und Schriftsteller Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900) in seinem Buch „Also sprach Zarathustra“ am Ende des 19. Jahrhunderts schreibt, gilt auch heute noch.

Der Mensch strebt nach Macht, egal ob in der Politik, in der Gesellschaft oder in der Kirche. Diesem Machtstreben des Menschen steht die Logik Gottes gegenüber, wie sie uns an Weihnachten wieder deutlich vor Augen geführt wird. Gott erweist seine Macht in Ohnmacht. Die Erzählung von der Geburt Jesu (Lk 2,1-14) lässt uns staunend nachdenken über die Paradoxalität der biblischen Botschaft vom Kind 
in der Krippe.

„In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den 
Befehl…“

Die Weihnachtsgeschichte, wie sie uns der Evangelist Lukas am Beginn seines Evangeliums überliefert, beginnt mit den bekannten Worten: „In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen.“ (Lk 2,1). Es ist kein Zufall, dass Lukas gleich im ersten Vers seiner Erzählung den römischen Kaiser Augustus erwähnt. Damit gibt der Evangelist eine Leseanweisung für den folgenden Text. Der Name Augustus steht für Herrschaft und Macht, für Frieden und Ordnung, für Wohlstand und Rettung. Seine Regierung wird von den Dichtern Vergil und Horaz als die Wiederkehr des Goldenen Zeitalters gefeiert. Dieses Wissen ist im kollektiven Gedächtnis der Erstadressaten gespeichert und wird von Lukas abgerufen. Der Text selbst enthält einen expliziten Hinweis auf die universale Macht des Augustus. Seine Befehlsgewalt erstreckt sich über „den ganzen Erdkreis“. Augustus ist Weltherrscher. Umso paradoxer ist es, dass gerade durch seinen Befehl die alte Weltordnung durchbrochen und mit der Geburt Jesu eine neue Weltordnung errichtet wird.

Foto: Roger Nilles – intranet.cathol.lu_cc_by_nd

„Weil in der Herberge kein Platz für sie war“

Der Befehl von Kaiser Augustus, den ganzen Erdkreis steuerlich zu erfassen, bringt Bewegung in die Erzählung. Josef aus Nazareth macht sich zusammen mit seiner Verlobten Maria auf den Weg nach Betlehem, um sich in seiner Heimatstadt registrieren zu lassen. Die Strecke über 140 km ist steil und beschwerlich. Maria ist hochschwanger. Am Ziel finden sie keine Unterkunft. Das Kind kommt in einer Krippe zur Welt. Eine idyllische Geschichte à la Stille Nacht, heilige Nacht ist das nicht. Eher eine Tragödie. Durch die Knappheit und Kargheit der Darstellung bringt Lukas das ganze Drama um die Geburt Jesu zum Ausdruck. Jesus kommt nicht in einem Palast in der Hauptstadt des Römischen Reiches zur Welt, sondern auf dem Land in einem Futtertrog. Die Krippe ist Realsymbol der Armut und Not. Die Windeln stehen für die Angewiesenheit und Hilfsbedürftigkeit des göttlichen Kindes. Seine Macht erweist sich in Ohnmacht. Darin liegt die Paradoxalität der biblischen Botschaft vom Kind in der Krippe.

„Heute ist euch der Retter geboren, der Messias, der Herr“

Zu dieser Paradoxalität passt es, dass die Botschaft von der Geburt des Kindes nicht zuerst 
irgendwelchen Würdenträgern, sondern Hirten verkündet wird. Sie gehören zur unteren Bevölkerungsschicht und bilden eine Randgruppe der Gesellschaft. Ihnen, den Repräsentanten der Armen, gilt die gute Nachricht des Engels: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, der Messias, der Herr.“ (Lk 2,11). An keiner Stelle im Neuen Testament findet sich eine derartige Dichte von christologischen Hoheitstiteln. Mit den drei Begriffen „Retter“, „Messias“, „Herr“ wird die heilsgeschichtliche Bedeutung des Kindes in der Krippe offenbart, seine Macht in Ohnmacht. Ob Lukas damit auf die dreigliedrige Nomenklatur Imperator Caesar Augustus anspielt, muss offenbleiben. Fakt ist jedoch, dass Augustus im römischen Kaiserkult als „Retter“ verehrt und als „Herr“ angerufen wurde. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Evangelist Lukas das göttliche Kind in der Krippe als Kontrastfigur zum römischen Kaiser Augustus verstanden wissen will. Der wahre Retter ist nicht der mächtige Kaiser Augustus, sondern das ohnmächtige Kind in der Krippe. Das wahre Goldene Zeitalter bricht nicht mit der Geburt des Augustus, sondern mit der Geburt Jesu an. Der wahre Friede kommt nicht vom Imperator Augustus, sondern von Jesus Christus, wie es die himmlischen Heerscharen am Ende der lukanischen Weihnachtsgeschichte verkünden: „Auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“ (Lk 2,14).

Vom Kind in der Krippe zum König am Kreuz

Macht in Ohnmacht. Dieses paradoxe Programm Gottes beginnt beim Kind in der Krippe und setzt sich im gesamten Leben und Wirken Jesu fort. Jesus von Nazaret wendet sich mit seiner Botschaft an die Marginalisierten und Ausgestoßenen der Gesellschaft, er pflegt Gemeinschaft mit Zöllnern und Sündern, er ist der Heiland der Armen und Unterdrückten. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildet der Tod Jesu am Kreuz. In der Stunde der größten Ohnmacht offenbart sich die Macht Gottes und lässt das Kreuz als Königsthron Jesu erstrahlen. Für Menschen, die nach Macht streben, ist diese Logik Gottes nicht wirklich einsichtig. Aber an Weihnachten wird sie greifbar in dem kleinen Kind in der Krippe.

[Artikel am 24. Dezember 2016 im Luxemburger Wort veröffentlicht; Weihnachtsbeilage, S. 2-3.]

Prof. Dr. habil. Georg RUBEL georg.rubel lsrs.lu

Professor für Biblische Theologie

 
LUXEMBOURG SCHOOL OF RELIGION & SOCIETY
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