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24. März 2017

Jesus aus jüdischer Sicht

Ein Beitrag von Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Walter Homolka

Durch die Jesus-Trilogie Papst Benedikts XVI. und seinen Bezug auf Rabbiner Jacob J. Neusner ist die Frage aktuell geworden: was denken Juden über Jesus? Jahrhunderte der Verfolgung, Unterdrückung, erzwungenen Wanderschaft und Ausgrenzung im Namen Jesu prägen sich ein in die Erinnerung eines Volkes, das es im „christlichen Abendland“ alles andere als leicht hatte.

Dennoch haben sich seit Rabbiner Abraham Geiger (1810–1874) eine Reihe jüdischer Denker mit Jesus beschäftigt. Es ist die Geschichte einer seit dem 19. Jahrhundert zu beobachtenden „Heimholung Jesu“ in das Judentum: als exemplarischen Juden, als mahnenden Propheten, als Revolutionär und Freiheitskämpfer, als Großen Bruder und messianischen Zionisten. Den Anstoß dafür gaben der evangelische Theologe Julius Wellhausen und die historisch-kritische Bibelwissenschaft. Wellhausen hat den Satz formuliert, an dem Christen wie Juden sich in der Folge abgearbeitet haben: Jesus war kein Christ, sondern Jude.

Für jüdische Ohren des 19. Jahrhunderts ein ganz erstaunlicher Satz. Er traf auf eine Gemeinschaft, die im Zuge der Aufklärung nach bürgerlicher Gleichstellung strebte und sich dabei durch die Idee vom „christlichen Staat“ behindert sah. Das bedeutet, dass diese jüdische Beschäftigung mit der zentralen Figur des Neuen Testaments nicht grundsätzlicher Natur gewesen ist. Sie erfolgte aus einer Verteidigungshaltung und dem Wunsch nach Teilhabe an der allgemeinen Gesellschaft ohne Aufgabe der eigenen jüdischen Identität. Wie gut also, dass selbst Jesus Jude war.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage nach der Messianität Jesu. Immer wieder wurde in diesem Zusammenhang die Aussage des evangelischen Theologen Adolf von Harnack zitiert, das Evangelium Jesu sei „nichts Neues“ gewesen. In Anknüpfung an diese Aussage betonten jüdische Theologen und Wissenschaftler, die Elemente, die Juden- und Christentum voneinander schieden, seien erst durch Paulus in das Christentum hineingetragen worden.

Auch moderne christliche Theologen stehen so vor der Herausforderung zu erklären, wie Jesus etwas Neues stiften konnte, wenn sich für alles, was er gesagt und getan hat, jüdische Parallelen finden lassen. In seinem Buch „Die Religion der ersten Christen“ (2002) beschreibt der Heidelberger evangelische Theologe Gerd Theißen das Innovative bei Jesus als eine „Revitalisierung“ des Alten. Seine Originalität läge darin, das Alte „von einem zentralen Inhalt, dem Glauben an den einen und einzigen Gott, her neu belebt“ zu haben.

Wer aber Jesus als Revitalisierer versteht, läuft Gefahr, das Judentum zu pathologisieren. Wenn man Jesus ein Mehr an Vitalität zuspricht, muss man dann nicht im Umkehrschluss seiner jüdischen Umwelt und dem sich daraus entwickelten modernen Judentum Lebendigkeit absprechen?

Grundsätzlich trifft die Betonung zentraler Stiftergestalten in Religionen auf jüdisches Missbehagen. Das Judentum hat niemals den einen Lehrer gekannt, nur die Kette der Lehrer, den Strom der Tradition. Es hat sich stets dagegen gesträubt, einen einzigen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

Doch ist diesem Menschen Jesus von Nazareth überhaupt nahe zu kommen? Der historische Jesus kann durch die Rückfrage hinter das neutestamentliche Zeugnis nicht wirklich ermittelt werden. Was also kann Jesus für Juden sein? War Jesus aus jüdischer Sicht Pharisäer und Schriftgelehrter? Vielleicht. War er bedeutend? Ohne Zweifel. War er der Messias oder gar der Sohn Gottes? Aus jüdischem Verständnis nein. Der jüdische Blick geht auf einen von uns, der es weit gebracht hat, als Mensch den Menschen Gottes Willen nahezubringen. Die jüdische Beschäftigung mit Jesus kann aber auch Christen motivieren, über diesen bedeutenden Juden nachzudenken, und sich daran zu erinnern, dass seine jüdische Herkunft kein kultureller Zufall war, sondern ein Teil der Heilsgeschichte.

Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Walter Homolka, geboren 1964, deutscher Rabbiner, Rektor des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam, Vizepräsident der European Union for Progressive Judaism, London, Mitglied im Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

[Artikel am 18. März 2017 im Luxemburger Wort veröffentlicht, S. 31.]

 
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