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1. April 2017

Eine Frage des Glaubens

Prof. Dr. habil. Georg Rubel

„Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Mit diesen Worten gesteht Goethes Faust den Verlust seines Glaubens ein, nachdem er am Ostermorgen Glockenklang und Chorgesang vernimmt, die von der Auferstehung Christi künden. Der unermüdlich nach Wissen strebende Gelehrte kennt die christliche Botschaft, aber er kann einfach nicht daran glauben und steht ihr skeptisch gegenüber. Als positive Kontrastfigur zu Goethes Faust führt uns das Evangelium vom fünften Fastensonntag Martha vor Augen und bietet mit der Erzählung von der Totenerweckung des Lazarus noch einen weiteren Zugang zum Glauben daran, dass Jesus die Auferstehung und das Leben ist.

Wie bei den beiden letzten Sonntagsevangelien, so handelt es sich auch bei Joh 11,1-45 um eine sehr lange und durchkomponierte Perikope, die im Zentrum des Johannesevangeliums platziert ist. Ein Meisterwerk johanneischer Theologie mit einem doppelten Höhepunkt! Der narrative Höhepunkt der Perikope ist mit der Auferweckung des Lazarus von den Toten erreicht (Joh 11,38-45). Dieses Zeichen stellt nach dem Weinwunder auf der Hochzeit zu Kana in Joh 2, der Heilung des Sohnes des königlichen Beamten in Joh 4, der Heilung eines Gelähmten am Teich Bethesda in Joh 5, dem Brotwunder und dem Seewandel in Joh 6 und der Heilung des Blindgeborenen in Joh 9 das letzte und zugleich das größte der sieben Zeichen Jesu im Johannesevangelium dar.

Mit der Auferweckung des Lazarus von den Toten erweist Jesus am anschaulichsten und eindrucksvollsten seine Macht, nicht wie bei den vorausgegangenen Zeichen über das Leben, sondern hier in Joh 11 sogar über den Tod. Die eigentliche Wunderhandlung wird nur kurz erzählt: Jesus befiehlt, den Stein vom Grab wegzunehmen, betet zum Vater und ruft Lazarus bei seinem Namen. Der Name Lazarus ist Programm. Es handelt sich um die griechische Kurzform des hebräischen Namens Eleasar und bedeutet „Gott hilft“ bzw. „Gott hat geholfen“. Genau das erfüllt sich: Der Verstorbene wird zum Leben erweckt. Wichtiger als die Handlung selbst sind ihre Folgen. Auf dieses Zeichen hin kommen viele Juden zum Glauben an Jesus. Damit ist nicht nur das Ende, sondern zugleich auch das Ziel der Erzählung erreicht. Die Auferweckung des Lazarus von den Toten soll die Menschen zum Glauben führen (vgl. Joh 11,15).

Der theologische Schwerpunkt der Perikope liegt auf der dialogischen Begegnung zwischen Jesus und Martha (Joh 11,20-27), welche der Wundererzählung vorangestellt ist. Martha geht Jesus entgegen und eröffnet den Dialog mit folgenden Worten: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ (Joh 11,21). Diese Worte klingen wie ein Vorwurf, fast schon wie eine Anklage. Aber Martha fährt fort und bringt in Joh 11,22 ihr absolutes Gottvertrauen zum Ausdruck: „Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.“ Im Unterschied zur Samaritanerin wird Martha bereits am Anfang des Dialogs als zum Glauben bereite Frau dargestellt. Jesus antwortet Martha mit einer offenen Zusage und versichert ihr, dass ihr Bruder auferstehen werde. Martha versteht diese Zusage Jesu im Sinne der traditionellen jüdisch-christlichen Vorstellung und erwartet die Auferstehung ihres Bruders am Letzten Tag. Jesus antizipiert diese futurische Auferstehungshoffnung in die Gegenwart und bindet sie an seine eigene Person: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ (Joh 11,25). Mit dieser Selbstoffenbarung Jesu in Form eines typisch johanneischen Ich-bin-Wortes ist der Höhepunkt des Dialogs erreicht. Auf die Frage Jesu, ob sie daran glaube, antwortet Martha in Joh 11,27: „Ja, Herr, ich bin zum Glauben gekommen, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“ Aufgrund dieses christologischen Spitzenbekenntnisses avanciert Martha zur Musterfrau johanneischen Glaubens.

Von dem Bekenntnis der Martha in Joh 11,27 besteht eine direkte Verbindung zum Epilog des Johannesevangeliums. Laut Joh 20,31 ist es die Wunsch- und Zielvorstellung des Autors, den Leser zum Glauben zu führen, dass Jesus der Messias, der Sohn Gottes ist. Als solcher schenkt er die Gabe des Lebens allen, die an ihn glauben. Der Glaubensweg der Martha kann für uns ein Beispiel sein. Wir können ihn mitgehen und wie Martha zu der Erkenntnis kommen, dass Jesus die Auferstehung und das Leben ist, und diesen Glauben bekennen. Die Totenerweckung des Lazarus kann für uns ein Zeichen sein, das uns zum Glauben führt, wer Jesus ist: die Auferstehung und das Leben.

Ob wir dieses Angebot annehmen oder mit Goethes Faust der christlichen Botschaft skeptisch gegenüberstehen, ist letztlich eine Frage des Glaubens.

[Artikel am 1. April 2017 im Luxemburger Wort veröffentlicht, S. 23.]

Prof. Dr. habil. Georg RUBEL georg.rubel lsrs.lu

Professor für Biblische Theologie

 
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