fr lb de it pt en
Publications . Publikationen
16. April 2017

Christus, unser Paschalamm ist geschlachtet. Halleluja!

Biblische Betrachtungen zum Motiv des Lammes von Prof. Dr. habil. Georg Rubel

Zum Osterfest gehört nicht nur der Hase, sondern auch das Lamm. Ganz selbstverständlich bringen die Christen ein selbstgebackenes oder gekauftes Lamm zur Speisenweihe in den Gottesdienst. Traditionell kommt an Ostern Lamm auf den Tisch. Warum ist das so? Welche Bedeutung hat das Lamm? Im Unterschied zum Osterhasen, den Sie in der Bibel vergeblich suchen, lassen sich zum Motiv des Lammes eine ganze Reihe biblischer Betrachtungen anstellen. Der folgende Streifzug durch die Schriften des Alten und Neuen Testaments führt uns in das Herzstück des christlichen Glaubens.

Im Alten Testament wird der Begriff „Lamm“ für die Opferlämmer verwendet, die dem Herrn dargebracht werden. Der Kult kennt verschiedene Opferarten: Brandopfer (vgl. Ex 29,38-42), Schuldopfer (vgl. Lev 14,12), Reinigungsopfer (vgl. Lev 12,6), Dankopfer bzw. Heilsopfer (vgl. Lev 23,19). Für alle diese Opfer gilt: Das Lamm muss makellos sein. Die Opferung des Tieres steht stellvertretend für die Opferung des darbringenden Menschen. Beim Sündopfer ist die Vorstellung leitend, dass die Sünden des Menschen auf das Tier übertragen (daher kommt unsere Redeweise vom „Sündenbock“, vgl. Lev 16,1-34) und durch dessen Schlachtung gesühnt werden. Auch bei den Griechen und Römern spielt das Lamm eine große Rolle und fungiert als Opfertier (Schlachtopfer für die Götter und für den Kaiser). Sowohl in der hellenistisch-römischen, als auch in der alttestamentlich-jüdischen Welt steht das Lamm symbolisch für Wehrlosigkeit und Verletzbarkeit. Im vierten Gottesknechtslied, das wir in der ersten Lesung am Karfreitag hören, kommt dieser Aspekt explizit zum Ausdruck, wenn es vom Gottesknecht heißt: „Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.“ (Jes 53,7).

Eine besondere Bedeutung kommt dem Lamm bei der Feier des jüdischen Paschafestes zu. Der ätiologische Bericht von der Stiftung des Pascha in Ex 12,1-14, den uns die Liturgie in der ersten Lesung am Gründonnerstag präsentiert, enthält genaue Anweisungen zum Schlachten der Lämmer: „Jeder soll ein Lamm für seine Familie holen, ein Lamm für jedes Haus. […] Nur ein fehlerfreies, männliches, einjähriges Lamm darf es sein, das Junge eines Schafes oder einer Ziege müsst ihr nehmen. […] Gegen Abend soll die ganze versammelte Gemeinde Israel die Lämmer schlachten.“ (Ex 12,3.5-6.). Mit dem Blut des Lammes sollen die Israeliten die beiden Türpfosten und den Türsturz an ihren Häusern bestreichen. Wenn der Herr kommt, um die Ägypter mit Unheil zu schlagen und ihre Erstgeborenen zu töten, geht er an den Häusern der Israeliten vorbei. Das Blut des Lammes schützt sie gegen den Tod. Neben dieser apotropäischen hat das Lamm auch eine anamnetische Funktion. Das Schlachten und Essen des Lammes erinnert die Israeliten an die Befreiung aus der Gefangenschaft in Ägypten und lässt dieses einmalige Heilsereignis der Geschichte Israels jedes Jahr aufs Neue präsent und wirksam werden: „Diesen Tag sollt ihr als Gedenktag begehen. Feiert ihn als Fest zur Ehre des Herrn! Für die kommenden Generationen macht euch diese Feier zur festen Regel!“ (Ex 12,14). Pascha ist der Übergang von der Knechtschaft in die Freiheit, vom Tod zum Leben.

Isenheimer Altar

Im Neuen Testament wird die Bezeichnung „Lamm“ auf Jesus übertragen und erfährt damit eine christologische Konnotation. Der Verfasser des ersten Petrusbriefes stellt Christus als makelloses Opferlamm dar, der mit seinem Blut, d. h. mit seinem Tod am Kreuz, die Menschen erlöst hat: „Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel.“ (1 Petr 1,18f.). Die Rede vom makellosen Lamm und die Erwähnung des Blutes in einem Atemzug lassen vermuten, dass hier die alttestamentliche Tradition vom Opferlamm im Hintergrund steht, um das Kreuzesgeschehen theologisch zu deuten.

Paulus lässt sich im ersten Korintherbrief nicht von der Opferthematik leiten, sondern knüpft an die Paschatradition an. Er überträgt die Vorstellung vom Paschalamm auf Christus, wenn er den Korinthern schreibt: „Als unser Paschalamm ist Christus geschlachtet worden.“ (1 Kor 5,7). Analog zum jüdischen Pascha ist mit Christus die Zeit des Übergangs angebrochen, mit ihm beginnt ein neuer Äon. Deshalb fordert der Apostel die Korinther dazu auf, den alten Sauerteig wegzuschaffen, d. h. ihre unmoralische Lebensweise abzulegen, um neuer Teig zu sein und somit aufrichtig und rein als Christen zu leben.

Während die Vorstellung von Jesus als Lamm im ersten Petrusbrief und bei Paulus nur kurz anklingt, wird sie im Johannesevangelium breit entfaltet. Bereits im ersten Kapitel des Evangeliums weist Johannes der Täufer auf Jesus hin und präsentiert ihn mit den Worten: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (Joh 1,29). Kurz darauf wiederholt Johannes dieses Zeugnis und bezeichnet Jesus erneut als „Lamm Gottes“ (Joh 1,36). Hinter dieser christologischen Aussage stehen verschiedene biblische Vorstellungen. Zunächst ist an den leidenden Gottesknecht zu denken, der laut Jes 53,7 mit einem Lamm verglichen wird, das zum Schlachten geführt wird, und von dem es am Ende des vierten Gottesknechtslieds heißt: „Er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.“ (Jes 53,12). Aus dem alttestamentlichen „Knecht Gottes“ wird bei Johannes das „Lamm Gottes“. Die Funktion bleibt gleich: Wie der jesajanische Gottesknecht, so nimmt das johanneische Lamm Gottes die Sünde der Welt auf sich und stirbt einen stellvertretenden Sühnetod.

Neben dieser Sühnetodvorstellung lässt sich im Johannesevangelium noch eine andere theologische Interpretation des Lammes finden. Im Laufe des Evangeliums wird mehrmals auf das Paschafest hingewiesen (das erste Mal bereits in Joh 2,13; vgl. auch Joh 2,23 und Joh 13,1). In der Passion, die uns am Karfreitag vorgetragen wird, verdichten sich die Hinweise darauf, dass Johannes das jüdische Pascha als Deutekategorie für das Christusgeschehen heranzieht. Im Unterschied zu der Darstellung der Synoptiker erfolgt die Kreuzigung Jesu nach der johanneischen Chronologie nicht am Paschafest (15. Nisan), sondern einen Tag zuvor, am sogenannten Rüsttag (14. Nisan), wie es an mehreren Stellen der Passion zum Ausdruck gebracht wird (vgl. Joh 18,28; 19,14.31). Am Rüsttag werden im Tempel die Lämmer für das Paschafest geschlachtet. Johannes lässt Jesus zeitgleich sterben. Dem dürstenden Jesus wird am Kreuz ein Schwamm mit Essig auf einem Ysopzweig gereicht. Der zarte Stängel der Ysoppflanze taugt hierfür nicht. Vielmehr spielt Johannes damit auf ein Ritual beim Paschafest an, wonach das Blut des Lammes mit einem Ysopzweig auf den Türsturz und auf die beiden Türpfosten gestrichen werden soll (vgl. Ex 12,22). Nachdem die Soldaten den Tod Jesu festgestellt haben, wird auffällig ausführlich beschrieben, bezeugt und mit einem Schriftwort bestätigt, dass die Beine des Gekreuzigten nicht zerschlagen werden. Eine Regel für das Pascha lautet: „Ihr sollt keinen Knochen des Paschalammes zerbrechen!“ (Ex 12,46). Diese Parallelen sind nicht zufällig, sondern deuten auf die theologische Aussageabsicht des Johannesevangelisten hin. Für ihn stirbt Jesus nicht als Opferlamm, sondern als Paschalamm. Jesus ist das neue, das wahre, das endgültige Paschalamm. Sein Blut, nicht gestrichen an den Türsturz und an die beiden Türpfosten, sondern vergossen am Holz des Kreuzes, nimmt hinweg die Sünde der Welt. Ostern ist das Paschafest der Christen. Mit dem Tod Jesu am Kreuz und seiner Auferstehung von den Toten vollzieht sich der Übergang von der Gefangenschaft in die Freiheit, vom Tod zum Leben. Christus, unser Paschalamm ist geschlachtet zu unserem Heil. Halleluja! Als von der Sünde Erlöste und zu neuem Leben Befreite dürfen wir voll Freude einstimmen in den frühchristlichen Osterhymnus Ad cenam Agni providi:

Zum Mahl des Lammes schreiten wir,
mit weißen Kleidern angetan;
Christus, dem Sieger singen wir,
der uns durchs Rote Meer geführt.

Am Kreuze gab er seinen Leib
für alle Welt zum Opfer hin;
und wer von seinem Blute trinkt,
wird ein mit ihm und lebt mit ihm.

Am Pascha-Abend weist das Blut
den Würgeengel von der Tür:
Wir sind befreit aus harter Fron
und von der Knechtschaft Pharaos.

Christus ist unser Osterlamm,
das uns zum Heil geschlachtet ward.
Er reicht uns seinen heilgen Leib
als Brot, das uns sein Leben schenkt.

Lamm Gottes, wahres Opferlamm,
durch das der Hölle Macht zerbrach!
Den Kerker hast du aufgesprengt,
zu neuem Leben uns befreit.

Erstanden ist der Herr vom Grab,
kehrt siegreich aus dem Tod zurück.
Gefesselt ist der Fürst der Welt,
und offen steht das Paradies.

Dem Herrn sei Preis und Herrlichkeit,
der aus dem Grabe auferstand,
dem Vater und dem Geist zugleich
durch alle Zeit und Ewigkeit. Amen.

Krankenpatene von Dr. Jan Loffeld, Pfarrei St. Joseph Münster
Foto: Georg Rubel

Hintergrundinformationen zum Text

Zum Lamm Gottes in der Liturgie

Die johanneische Bezeichnung Jesu als „Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ ist uns aus der Liturgie bekannt. In jeder Eucharistiefeier spricht der Priester diese Worte, wenn er den Gläubigen das gebrochene Brot zeigt und sie damit auf den Empfang der Kommunion vorbereitet. Im Agnus Dei singen die Gläubigen dreimal: „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt“. Es ist der Begleitgesang zur Brotbrechung, nicht zum Friedensgruß. In den östlichen Liturgien kommt dieser Zusammenhang viel stärker zum Ausdruck. Die byzantinische Liturgie beispielsweise bezeichnet die Vorbereitung auf die Kommunion als „Schlachtung des Lammes“. In der Brechung des Brotes vollzieht sich symbolisch die Schlachtung des Lammes. Das gebrochene Brot verkörpert somit das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.

Zum Lamm in der christlichen Ikonographie

Im frühen Christentum ist zunächst die Darstellung des Guten Hirten vorherrschend. Seit dem 4./5. Jahrhundert n. Chr. erscheint das Lamm, besonders auf Sarkophagen, später auch auf Apsisbildern und Deckengemälden. Ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. zählt das Lamm zu den zentralen Christussymbolen der kirchlichen Kunst. Das Lamm mit dem Kreuz bzw. mit der Siegesfahne am Kreuzstab steht für den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Eine bekannte Darstellung des Lammes findet sich auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald (1515). Johannes der Täufer zeigt mit einem übergroßen Finger auf den Gekreuzigten. Zwischen Johannes dem Täufer und dem Gekreuzigten erkennt der Betrachter ein Lamm, aus dessen Brust Blut herausströmt, welches in einem Kelch aufgefangen wird. Meisterhaft wird hier vom Maler das Wort aus Joh 1,29 ins Bild gebracht. Der Gekreuzigte, auf den Johannes hinweist, ist das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.

[Artikel am 15. April 2017 im Luxemburger Wort veröffentlicht, Osterbeilage, S. 2-3.]

Prof. Dr. habil. Georg RUBEL georg.rubel lsrs.lu

Professor für Biblische Theologie

 
LUXEMBOURG SCHOOL OF RELIGION & SOCIETY
LSRS – Centre Jean XXIII
52 rue Jules Wilhelm
L-2728 Luxembourg

Twitter
Facebook
Linkedin
© Luxembourg School of Religion & Society
certains droits réservés . Some Rights Reserved

Dateschutz . Protection des données
Ëmweltschutz . Protection de l'environnement
+352 43 60 51
office lsrs.lu