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23. Dezember 2017

Zusage – Weihnachten, eine Hoffnung, die nicht zuletzt stirbt

Prof. Dr. Tom Kerger

Die Erwartungen an Weihnachten sind groß. Die einen erwarten eine weiße Weihnacht, verklärt von romantischen Vorstellungen von Landschaften, die in tiefem weißen Schnee versinken.

Andere erwarten von Weihnachten den Frieden, der sich in den Herzen und in vielen Ländern endlich ausbreiten könnte; wieder andere erwarten an Weihnachten tolle Geschenke, einen zweiten Nikolaustag, an dem sie reichlich beschert werden; noch andere erwarten von Weihnachten ein frohes und gemütliches Zusammensein, sei es in der Familie, sei es mit Freunden.

Ja, Weihnachten ist wirklich mit vielen Erwartungen verbunden, immer und immer wieder. Und selbst Enttäuschungen in vergangenen Jahren können diese nicht eindämmen. Selbst wenn letztes Jahr der Schnee an Weihnachten ausgeblieben ist, dieses Jahr darf man noch einmal neu darauf hoffen; selbst wenn es letztes Jahr auch an Weihnachten mit dem Unfrieden und dem Krieg weitergegangen ist, dieses Jahr darf man noch einmal neu hoffen; selbst wenn es letztes Jahr nicht die erwarteten Geschenke gab, dieses Jahr darf man noch einmal neu hoffen… Weihnachten trägt demnach auch etwas Hoffnungsvolles in sich. Ja, Weihnachten ruft stets auch sogar Neues hervor.

Eine Welt ohne Gott?

Und Neues ist tatsächlich an Weihnachten geworden, ein Neuanfang wurde gesetzt. Gott wurde Mensch – das ist das Neue, das an diesem Tag erschienen ist. Zugegeben, es erscheint wenig spektakulär, und ruft heute vielleicht nicht mehr viel Staunen hervor, geschweige denn Begeisterung oder zumindest Bewunderung. Dennoch, so platt dieser Satz klingen mag, so wenig interessant er auch erscheinen mag, es ist eine Botschaft, die es in sich hat und die die Welt verändern kann!

Wir leben unseren Alltag ja vielfach so, als sei Gott hierin ohne größere Bedeutung. Man gestattet ihm vielleicht noch seine Existenz, irgendwo dort oben im „Himmel“; man gesteht ihm womöglich auch noch zu, dass er die Welt – wie auch immer – erschaffen haben mag, beziehungsweise, dass der ganze Kosmos und seine Entstehung auf dem Hintergrund eines göttlichen Plans sich entfalten konnte. Doch dass Gott mehr sein kann, dass er unser Leben beeinflussen kann im positiven Sinne, davon merkt man vielfach nicht viel. Vielleicht ist unser Leben aber auch zu anstrengend geworden, zu schnell, zu vollgestopft, zu sehr mit vielen anderen Sorgen, Dingen, Eindrücken, Erfahrungen gefüllt, als dass man noch Zeit und Muße haben könnte, über die Frage nach Gott, über seine Gegenwart im Leben im Alltag nachzudenken. Die Welt läuft und funktioniert und dreht sich.

Und Gott kommt nun in diese Welt hinein, er wird Mensch wie wir, mit uns. Allerdings ohne große Ankündigung in den Medien – seine „Ankündigung“ wird nur an eine junge Frau gerichtet, irgendwo damals in einer verlorenen Ecke der Welt, in einem kleinen Dorf, fernab vom Weltgeschehen. Gott wird auch nicht geboren als Kind einer berühmten Familie im Scheinwerferlicht der Medien – seine Geburt findet in einem Stall statt, außerhalb der Menschen, Zeugen davon sind der Überlieferung nach nur einige Hirten, die dort auf dem Feld lagerten und von der göttlichen Stimme von Engeln gerufen werden. Das Kommen Gottes in die Welt geschieht demnach ohne große Aufmerksamkeit, fast schon zum Übersehenwerden verurteilt.

Dennoch hat sein Kommen in die Welt die Welt verändert, doch auch hier wiederum nicht spektakulär im allgemeinen Sinn. Gottes Kommen in die Welt schenkt dem Menschen seine ursprüngliche, von Gott zugedachte Würde wieder zurück. Es erhebt den Menschen wiederum zum „Abbild Gottes“ (Gen 1,26), es schenkt ihm eine neue Freiheit, ein neues Leben.

Gott kommt in die Welt

Durch Gottes Menschwerdung wird der Mensch in eine neue Beziehung mit Gott gestellt. Und selbst wenn der Mensch Gott nicht wahrnimmt oder wahrnehmen möchte, fortan ist Gott nicht mehr aus der Welt und ohne die Welt zu denken. Gott ist auch nicht mehr ohne den Menschen zu denken, oder der Mensch ohne Gott. Gott und die Welt, Gott und der Mensch, sind an Weihnachten untrennbar verbunden worden. Eine Welt ohne Gott kann es nicht mehr geben, so sehr einige Menschen sich auch bemühen, uns das glauben zu lassen.

Weihnachten als Geschenk Gottes: Diese Tatsache hat Potenzial. Potenzial zur Veränderung. Veränderung des Menschen, Veränderung der Welt. Wenn der Mensch nicht mehr ohne Gott zu denken ist, dann hat das menschliche Leben eine unzerstörbare Würde, vom allerersten Moment an bis zum allerletzten, und niemand darf dem Menschen diese Würde nehmen. Wenn die Welt nicht mehr ohne Gott zu denken ist, dann darf es auch die Hoffnung geben, eine wahre, tiefe Hoffnung, die nicht einfach nur „zuletzt stirbt“, sondern die einen festen und sicheren Grund hat, die Hoffnung, die hinausgeht, die die Welt übersteigen kann, die sich nicht vorschnell begraben lässt durch kleine und große Enttäuschungen, welche das Leben mit sich bringt.

Weihnachten erfüllt vielleicht nicht alle Erwartungen auf Schnee, schöne Geschenke, frohes Zusammensein. Aber Weihnachten ist die Zusage Gottes an die Welt und den Menschen. Weihnachten ist Gottes Geschenk, das Geschenk seiner selbst an uns!

[Artikel am 23. Dezember 2017 im Luxemburger Wort veröffentlicht, Weihnachtsbeilage, S. 2.]

Prof. Dr. Tom KERGER tom.kerger lsrs.lu

Professor für Fundamentaltheologie

 
LUXEMBOURG SCHOOL OF RELIGION & SOCIETY
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L-2728 Luxembourg

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