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6. Februar 2017

Was spricht eigentlich gegen Folter?

Prof. Dr. habil. Gerhard Beestermöller

„Folter funktioniert. Absolut!“ – So der neue amerikanische Präsident Donald Trump in einem Interview am 27. Januar 2017. Was spricht eigentlich dagegen, einem Terroristen – welcher Couleur auch immer – Qualen zuzufügen, wenn man auf diese Weise vielleicht sogar Hunderttausende retten kann? Warum soll man einen Terroristen nicht foltern, der zugibt, in irgendeinem Kernkraftwerk eine Bombe versteckt zu haben, die in Kürze hochgehen wird?

Die amerikanische Regierung hat vor wenigen Jahren eine Untersuchung vorgelegt, in der sie den Erfolg von Foltermaßnahmen im Irak-Krieg untersucht hatte. Das Ergebnis: Folter funktioniert nicht! Die Opfer von Folter sagen, was man von ihnen hören will. Sie geben falsche Informationen, beschuldigen Personen fälschlicherweise. Der Nutzen erfolterter Informationen ist sehr gering, der Preis hingegen sehr hoch: neue Terroristen und ein enormer Imageschaden. Mit diesen empirisch-praktischen Relativierungen ist aber die grundsätzliche Frage, ob Folter erlaubt sein kann, nicht beantwortet.

In Deutschland hatte 2002 der Polizei-Vizepräsident Daschner versucht, das Leben des entführten Jakob von Metzler zu retten, indem er dessen Entführer Gäfgen Folter androhte. Gäfgen gab das Versteck des schon getöteten Jungen preis. Der Fall kam vor Gericht. Im Rahmen des Prozesses wurde bekannt, dass die deutsche Polizei vor Jahren das Leben eines entführten Jungen gerettet hatte, indem sie dessen Entführer verprügelte. In diesem Fall wurde nicht ermittelt.

Ist Folter also wirklich immer verboten? Wer diese Frage ernsthaft stellt, muss sich darüber klar werden, was das eigentlich Verwerfliche an Folter ist. Ist es das Zufügen von Qualen? Wohl kaum. Denn es kann unter Umständen sehr wohl erlaubt sein, z. B. Opfer eines Unfalls unter schweren Qualen zu bergen. Was Folter so problematisch macht, ist die Tatsache, dass sie in den Kern der Person eines Menschen eingreift, ihn seiner Selbstverfügung beraubt. Unter Folter wird aus dem „Ich bin.“ ein „Ich werde ge-ichtet.“, aus Freiwilligkeit wird Fremdwilligkeit. Der Wille des Gefolterten wird unter Folter sozusagen fremd betätigt.

Was ist daran so schlimm? Das, was den Menschen gegenüber allem auszeichnet, ihm seine Würde verleiht, ist seine Fähigkeit, auf seine Gewissenserfahrungen in freier Selbstverfügung zu antworten. In seiner Antwort auf das, was er als das Gute und Richtige erfährt, verwirklicht sich oder verfehlt sich der Mensch. Alles andere auf dieser Welt, sei es Friede, sei es Gesundheit, sei es Reichtum, oder was auch immer, kann zum Guten und zum Bösen eingesetzt [werden]. Nur der Wille des Menschen ist aus sich selbst heraus gut oder böse. Darum, so jedenfalls die Überzeugung der abendländischen Denktradition, ist nur der Mensch ein Selbstzweck. Nur er hat Würde.

Welcher Achtungsanspruch ergibt sich hieraus? Unter Folter bemächtigt sich ein Mensch des Willens eines anderen, und lässt ihn eine Information preisgeben, die dieser nicht preisgeben wollte. Die erfolterte Handlung bewegt sich in einer eigentümlichen Schwebe. Einerseits ist sie die Tat dessen, der gefoltert wird. Er ist es, der ein Wissen preisgibt. Er ist immer noch irgendwie mit seinem Willen beteiligt. Andererseits verliert er aber unter den Qualen seine Willensfreiheit. Der Gefolterte gibt also eine Antwort auf die Erfahrung seines Gewissens, die nicht mehr seine ist. Dies stellt eine absolute Instrumentalisierung eines anderen Menschen dar. Sie hebt die Selbstzwecklichkeit der Würde auf und stellt sie in den Dienst anderer Ziele. Folter bedeutet die Aufhebung unserer ganzen Werteordnung.

Kann ein Mensch seine Würde verwirken? Nein, das kann er nicht. Würde wird weder erwirkt noch verwirkt. Würde gründet einzig und allein in etwas, was uns gänzlich entzogen ist: dem Anspruch der Sittlichkeit, unter dem auch noch der größte Verbrecher steht. Würden wir akzeptieren, dass die Würde des Menschen unter extremsten Bedingungen verletzt werden darf, hätten wir die Würde aller aufgehoben. Die Würde des Menschen wäre dann nicht mehr unantastbar.

[Artikel am 04./05. Februar 2017 im Luxemburger Wort veröffentlicht, S. 14.]

Prof. Dr. habil. Gerhard BEESTERMÖLLER gerhard.beestermoeller lsrs.lu
 
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