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13. Januar 2017

Religionen – Ursprung von Krieg und Gewalt oder Quelle des Friedens?

Prof. Dr. habil. Gerhard Beestermöller

Spätestens seit 9/11 tobt eine heftige Debatte darüber, ob Religionen, insbesondere der Monotheismus, Gewalt hervorbringen. Wie könne jemand, der den Anspruch erhebt, über die eine von Gott geoffenbarte Wahrheit zu verfügen, andere Wahrheitsansprüche tolerieren? Muss er nicht notfalls auch mit Gewalt andere, die noch im Unglauben verharren von ihrem Irrtum befreien? Ist es nicht die Pflicht des Gläubigen, eine staatliche Ordnung zu errichten, in der sich nur die Wahrheit öffentlich darstellen darf, während alles andere aus der Öffentlichkeit verbannt werden muss, damit niemand zur Unwahrheit verleitet wird? Kann Religion zulassen, dass ein Mensch ungestraft davonkommt, wenn er einmal die göttliche Wahrheit erkannt und sich ihr verschrieben hat, sie auf einmal treulos aufgeben will?

Fragen dieser Art haben viele Menschen zu der Überzeugung gebracht, dass es Pluralismus, Toleranz und Frieden nur ohne Religion geben könne. Zumindest jedoch müsse es einen neuen Polytheismus vieler legitimer Wahrheiten geben, die friedlich koexistieren können. Selbst vom Dalai-Lama hört man: „An manchen Tagen denke ich, dass es besser wäre, es gäbe keine Religion.“

Die Antworten der Religion sind nicht ausgeblieben: Sind die atheistischen Ideologien wirklich friedfertiger als die Religionen? Der Stalinismus? Und: Verlangt der Anspruch auf eine göttliche Wahrheit wirklich, sie anderen aufzuzwingen? Was, wenn die göttliche Wahrheit nur in Freiheit und Liebe aufgenommen sein will? Kann ich nicht in meiner subjektiven Überzeugung restlos von der Wahrheit meiner Religion überzeugt sein, und dennoch in intellektueller Redlichkeit die noch offene Bewahrheitung meines Glaubens anerkennen? Gewissensfreiheit, Toleranz und Pluralismus ermöglichen erst die gewaltfreie Überzeugungskraft des besseren Argumentes freizusetzen, und damit auch die Anziehungskraft religiösen Glaubens.

Wie also steht es um das Verhältnis von Religion und Gewalt? Es hängt ganz wesentlich davon ab, wie sich eine Religion den Weg ihrer Wahrheit zum Menschen vorstellt. Bietet sie sich dem Menschen als Antwort auf die großen Fragen seines Lebens und die große Sehnsucht seines Herzens ohne jeden Zwang an, in der Hoffnung, dass der Mensch, der sie annimmt, in ihrem Geist die Welt gestalten will? Oder meint sie eine Ordnung mit Gewalt errichten zu müssen, innerhalb derer dann ihre Botschaft den Weg zu den Menschen finden kann? Das sind wesentliche Fragen, auf die die Religionen eine Antwort geben müssen.

[Artikel veröffentlicht in „Horizonte 2017“ – Die Vortrags- und Talkreihe im Trifolion Echternach zum Thema „Frieden“, S. 2.]

Prof. Dr. habil. Gerhard BEESTERMÖLLER gerhard.beestermoeller lsrs.lu
 
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