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21. November 2015

Jetzt drauf? Überlegungen zu einer adäquaten Haltung gegenüber der Bekämpfung des Terrorismus

Prof. Dr. habil. Gerhard Beestermöller

Freitag, der 13.11.2015, wird die Welt verändern. Paris erlebte eine Serie von Terroranschlägen, die alles, was Europa an Terrorismus bisher erleiden musste, in seinen grauenvollen Schatten stellt hat. Terrorismus ist ein verabscheuungswürdiges Verbrechen, für das es keinerlei Rechtfertigung geben kann. Menschen einfach so zu morden, kann niemals erlaubt sein. Das steht hier nicht zur Frage. Es geht einzig und allein um die Frage, worin die angemessene Reaktion besteht.

Haben nun die recht bekommen, die schon immer vor dem irenistischen Schmusekurs des bürgerlich verträumten Liberalismus gewarnt haben, der uns mit seinem blauäugigen Gefasel von der Verständigung der Kulturen, seinen Warnungen von überzogener Hysterie Sand die Augen gestreut hat? Hat sich nicht endgültig gezeigt, dass die Islamisten uns, unsere Werte, die Demokratie, die Menschenrechte, die Gleichstellung der Frau, überhaupt die Freiheit und die selbstbestimmte Lebensführung aufs Blut hassen und nicht ruhen werden, bevor sie uns vernichtet oder ihrer brutalen Herrschaft unterworfen haben? Müssen wir nicht die Glacé-Handschuhe ausziehen und akzeptieren, dass wir in einem Krieg sind, in dem es um das Überleben unserer Kultur geht? Müssen wir nicht endlich aus dem Dornröschenschlaf unserer gewaltlosen Friedfertigkeit aufwachen? Muss nicht Schluss sein mit dem naiven Tranquilizer, dass die wahren Ursachen des Terrorismus nicht mit Gewalt zu beheben seien, dass Gewalt nur neue Terroristen zeugen würde, und dass ein Mea-culpa des Westens, insbesondere der ehemaligen Kolonialmächte, dass die ausgestreckte gewaltlose Friedenshand dem Terrorismus das Wasser abgraben könnte? Was bleibt uns anderes übrig, als die zu hassen, die uns hassen, denen Feind zu sein, die uns mit Feindschaft überziehen, mit Gewalt gegen die vorzugehen, die uns töten wollen, die zu vernichten, die uns vernichten wollen? Wäre nicht alles andere dekadente Selbstaufgabe?

Gegen dieses Denken in der Alternative von gewaltloser Friedfertigkeit und gewaltbewehrtem Kampfgeist soll an ein großes Erbe der abendländischen Denktradition erinnert werden, das man als gewaltbewehrte Friedfertigkeit bezeichnen kann. Erinnert sei an die so viel gescholtene Tradition vom ‚gerechten Krieg‘. Es kann kein Zweifel bestehen, dass diese Tradition mit vielen Makeln behaftet ist und in der abendländischen Geschichte zur Rechtfertigung vieler Kriege missbraucht wurde. Es geht auch nicht darum, dem Kampf gegen den Terrorismus das Label ‚Krieg‘ anzuhängen. Die Tradition vom ‚bellum iustum‘ geht in eine Zeit zurück, in der noch nicht zwischen innerstaatlicher und zwischenstaatlicher Rechtswahrung unterschieden wurde. Beides konnte als ‚gerechter Krieg‘ bezeichnet werden. Hier geht es ausschließlich nur um das Grundanliegen dieser Tradition: ein Bereitschaft, dem Unrecht im Geist der Bergpredigt entgegenzutreten, die die ganze Zürnkraft des Menschen aufbringt, die auch notfalls vor dem Mittel der Gewalt nicht zurückschreckt, aber nicht etwa um zu vernichten, sondern um Frieden zu stiften.

Der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin, einer der einflussreichsten Figuren in der ‚bellum iustum‘-Tradition, unterscheidet drei Geisteshaltungen. Die gewaltlose Liebe, den gewaltsamen Hass und den gewaltbewehrten gerechten Zorn. Die gewaltlose Liebe bejaht den Geliebten und will ihm Gutes tun, der gewaltsame Hass lehnt den Gehassten ab, und will ihm Übles zufügen. Der gerechte Zorn hingegen zieht seine Kraft aus beiden Seelenverfassungen: Aus dem Hass zieht er die Kraft der Ablehnung gegen das Unrecht, das er bekämpft, aber aus der Liebe zieht er die Kraft der Bejahung des Menschen, der Unrecht tut, und den er in das Recht zurückholen, dem er also gut will. In diesem Sinne zitiert Thomas in seinem berühmten Traktat über den gerechten Krieg Augustinus, der neben ihm als einer der Gründungsväter dieser Tradition gilt: „Krieg wird geführt, um den Frieden zu erlangen. Also sollst du auch im Kriege zum Frieden wirken, auf dass du diejenigen, die du bekämpfst, durch den Sieg zur Wohltat des Friedens führst.“

Augustinus und Thomas würden sicherlich nicht einer blauäugigen Gewaltlosigkeit das Wort reden, die glaubt, dass die Anwendung von Gewalt niemals notwendig sein kann. Es geht vielmehr um eine gewaltbewehrte Kampfbereitschaft, die aus Frieden, im Frieden und auf Frieden hin gegen den Terrorismus vorgeht: aus dem gelassenen, inneren Frieden dessen, der nicht von der inneren Friedlosigkeit des Hassenden getrieben ist; in dem Frieden dessen, der keine Rachsucht, keine Schadensgier, keine Freude am Leid der anderen in seine Seele einziehen lässt; und auf Frieden hin zwischen den Kulturen und Religionen in dem Vertrauen auf die innere Friedenssehnsucht aller Menschen. Menschen streben Krieg immer nur um eines, wie sie meinen, besseren Friedens an.

Es ist häufig darüber diskutiert worden, ob es ein proprium, ein ganz Ureigenes christlichen Handelns gibt. Diese Frage darf nicht so verstanden, als ginge es um Inhalte, die andere Weltanschauungen nicht teilen könnten. Es geht vielmehr um die Frage nach dem, wo das christliche Ethos sozusagen ganz bei sich ist, unabhängig davon, ob dies von anderen geteilt wird oder nicht. Wenn irgendwo, dann ist das christliche Ethos im Geist der Überwindung von Feindschaft zu finden; ein Geist, der sehr wohl mit dem Ethos der Verantwortungsethik einhergehen kann, der es um die Folgen für die Wirklichkeit geht: der Geist der gewaltbewehrten Friedfertigkeit.

Geht es hier um mehr als um die Beschreibung einer Geisteshaltung, die aber letztlich für das konkrete Handeln folgenlos bleibt? Es besteht ein innerer Zusammenhang zwischen der Geisteshaltung, aus der heraus wir handeln, und dem, was wir tun. Die Geisteshaltung der jesuanischen Friedfertigkeit nimmt, selbst wenn sie vielleicht unter bestimmten Bedingungen gewalttätig werden muss, einen überparteiischen Standardpunkt ein, von dem aus sie die Folgen des eigenen Tuns und Unterlassens für alle Betroffenen abwägt. Das Gegenteil zu dieser Haltung besteht darin, meine Handlungen ausschließlich von den Folgen für mich bei gleichzeitiger Gleichgültigkeit für das, was andere zu erleiden haben, abhängig zu machen.

Was bedeutet dies konkret? Was tun wir, um jungen Menschen, die in den Islamischen Staat abgeglitten sind, zurückzugewinnen? Müssen wir aus Gründen der Abschreckung und der Gerechtigkeit, unbedingt diejenigen hart bestrafen, die selbst gewalttätig geworden sind? Oder gibt es unter der Perspektive des Friedens so etwas wie Vergebung und Versöhnung? Welche Auswirkung auf die Kämpfer des Islamischen Staates könnte es haben, wenn der Westen bereit wäre, auf die Befriedigung seines Geltungsbedürfnisses zu verzichten, weil uns auch diese Menschen etwas bedeuten, sie für uns Träger unbedingter Würde sind, und wir sie zurückholen wollen? Das ist eine höchstspannende Debatte, die hier nur angedeutet werden kann. Die Tradition des ‚gerechten Krieges‘ steht jedenfalls dafür, unter der Perspektive des Friedens die Durchsetzung der Strafgerechtigkeit zu relativieren.

Wir werden wieder große Debatten über die Verschärfung der Sicherheitsgesetze erleben. Vom Standpunk der jesuanischen, gewaltbewehrten Friedfertigkeit darf es keine Gesetze geben, die einen Zugewinn an Sicherheit für uns bei gleichzeitig gravierenden Grundrechtseinschnitten bei unschuldigen Menschen erzielen, die nicht zu uns gehören. Es darf nicht sein, dass allen männlichen Personen aus dem arabischen Raum per se das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, Privatsphäre, Briefgeheimnis… entzogen wird, während unsere Freiheitsrechte weitgehend in Takt blieben.

Wir werden große Diskussionen über das richtige Vorgehen gegen den Islamischen Staat in Syrien und Irak erleben. Es darf aber nicht sein, dass wir diese Debatte ausschließlich unter der Perspektive unserer Sicherheit führen, ohne uns um die Auswirkungen unserer Handlungen für die Menschen vor Ort zu kümmern. Wir dürfen nicht die Sicherheit unschuldiger Menschen im Westen auf Kosten des Lebens, der Unversehrtheit und des Eigentums unschuldiger Menschen im Irak und Syrien garantieren. Unter der Perspektive der Unbeteiligtheit an Unrecht und Gewalt gilt keine Nationalität, keine Kultur- und keine Religionszugehörigkeit. Die Auswirkungen eines gewaltsamen Vorgehens gegen den IS auf unschuldige Menschen in fernen Ländern muss nach unparteiischen Kriterien mit dem Mehr an Sicherheit für uns, das daraus erwachsen könnte, abgewogen werden. Es kann durchaus sein, dass wir auf ein Mehr an Sicherheit für uns verzichten müssen, wenn wir es nur auf Kosten von Leib und Leben anderer, genauso unbeteiligter, unschuldiger Menschen erwerben könnten. Wer das bezweifelt, stelle sich einmal vor, er würde mit seiner Familie friedlich in Syrien leben und wäre von militärischer Gewalt des Westens gegen den IS bedroht.

Der Westen steht an einer Wegegabelung. Die Zeiten, in denen er seine Freiheiten und seinen Reichtum ungestört genießen konnte, sind vorbei. Er muss sich entscheiden, sich entweder zu einen Kampf gegen den Terrorismus hinreißen zu lassen, der vom Geist der Feindschaft, des Hasses geprägt ist, der Front macht; ein Geist, in dem wir uns selbst als Streiter des Lichtes gegen die Mächte der Finsternis inszenieren können, die es zu vernichten gilt. Oder er wehrt sich gegen den Terrorismus im Geist gewaltbewehrter Friedfertigkeit, aus dem wir mit allen notwendigen Mitteln gegen den Terrorismus vorzugehen bereit sind; allerdings in der Haltung, die Terroristen für ein friedliches Zusammenleben der Kulturen und Religionen gewinnen zu wollen, indem wir uns nicht nur unser Leid, sondern das aller Menschen zu Herzen gehen lassen, und den berechtigten Ansprüchen der Menschen an uns endlich entsprechen.

[Gekürzte Fassung des Artikels am 21. November 2015 im Luxemburger Wort veröffentlicht, S. 16]

Prof. Dr. habil. Gerhard BEESTERMÖLLER gerhard.beestermoeller lsrs.lu
 
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