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31. Oktober 2014

Ebola, der „islamische Staat“, der Staat und die Kirche

Prof. Dr. habil. Gerhard Beestermöller

Die Abwendung der Bedrohung durch eine Pandemie oder durch den neuartigen Terrorismus ist zur Weltgemeinschaftsaufgabe geworden

Westafrika wird von einer Ebola-Epidemie heimgesucht. Tausende werden ihr zum Opfer fallen. Die große Sorge ist, dass sich angesichts der ungeheuren Reiseströme die Epidemie zu einer weltweiten Pandemie ausbreitet. Die Vereinten Nationen warnen schon seit Jahrzehnten vor einem derartigen Horrorszenario.

Unvergessen bleibt die Spanische Grippe, die zwischen 1918 und 1920 25 Millionen Menschen dahin gerafft hat. Das sind weit mehr als die zehn Millionen Tote, die der Erste Weltkrieg forderte. Mit diesem Vergleich sollen selbstverständlich nicht das Grauen und das Leid des Ersten Weltkrieges auch nur im Geringsten geschmälert werden. Diese Zahlen übersteigen sowieso unser emotionales Vorstellungsvermögen. Es geht nur darum, sich bewusst zu machen, welche Dimensionen eine Pandemie anzunehmen vermag. So wird klar: Unsere Hilfe für die betroffenen Länder hat nicht nur mit selbstloser, karitativer Zuwendung, sondern viel mit Selbstschutz und Eigennutz zu tun. Die westafrikanischen Staaten sind offensichtlich mit der Bekämpfung der Seuche überfordert.

Im Grenzgebiet von Syrien und Irak ist es einer Gruppe von Terroristen mit etwa 10 000 bis 20 000 Kämpfern gelungen, ein Territorium von erheblicher Größe unter ihre Kontrolle zu bringen und dort einen islamischen Staat mit einem Kalifen auszurufen. Damit tritt der Terrorismus in eine neue Phase. Terroristengruppen bestehen nicht mehr nur aus verdeckten, transnational agierenden Netzwerken, die immer und überall zuschlagen können. Vielmehr verfügen sie jetzt über ein eigenes Territorium, in das sie Terroristen aus aller Welt locken, in dem sie sie ausbilden, aus dem sie sie entsenden, steuern und in dem sie ihnen einen sicheren Zufluchtsort gewähren können. Offensichtlich ist die Region mit der Bewältigung dieser Herausforderung überfordert. Die Bekämpfung von lokalen Epidemien zur Verhinderung globaler Pandemien sowie die Abwendung der weltweiten Bedrohung durch den neuartigen Terrorismus sind zu Weltgemeinschafts-, zur Weltgemeinwohlaufgaben geworden. Diese Einsicht regt zu weiteren Erkenntnissen an. Vier seien hier genannt.

Vier Erkenntnisse

Es wäre zynisch, diesen Entwicklungen irgendeinen positiven Sinn abgewinnen zu wollen. Es sagt aber viel über uns Menschen, die wir uns so viel auf unsere autonome Freiheit, auf unsere Emanzipation zu Gute halten, dass sie erst sozusagen unter Zwang beginnen, auf ihre Vernunft, auf ihre ethischen Einsichten zu hören. Das ungeheure Elend der westafrikanischen Staaten, das erst den Nährboden der Epidemie bildet, stellt ein schreiendes Unrecht dar, auf das der reiche Westen bisher nur unzulänglich reagiert hat. Das ist jetzt nur noch mit suizidären Konsequenzen möglich. Der Siegeszug des westlichen Systems, der durch das Ende des Kalten Krieges eingeläutet wurde, hat eine dunkle Schattenseite. Weite Teile der Welt sind einfach abgehängt und versinken immer weiter im Elend. Der westliche Kulturimperialismus entwurzelt ganze Kulturen. Der Terrorismus, der hierin eine wesentliche Ursache hat, zwingt die Reichen der Welt, sich mit dem Folgen ihres Tuns für andere auseinanderzusetzen, wollen sie weiter in Sicherheit ihren Wohlstand genießen. Eine zweite Erkenntnis besteht da
rin, dass die Menschheit schlecht darauf vorbereitet ist, die genannten
Weltgemeinwohlaufgaben zu bewältigen. Die Weltgemeinschaft hat sich
 nicht die adäquaten Institutionen geschaffen, mit denen sie auf die Herausforderungen der Gegenwart adäquat reagieren könnte. Es bedarf globaler Institutionen, deren Wirkradius und Gestaltungsmacht der Qualität der Probleme entspricht. Die Uno ist hierfür bei weitem institutionalisiert. Hier ist die Politik gefordert, der Welt neue supranationale Institutionen zu geben. Schon in seiner Enzyklika „Pacem in terris“ (1963) forderte Papst Johannes XXIII. mit Entschiedenheit, diesen Missstand zu überwinden.

Wie ist eine Politik möglich, die auf die Stärkung des Weltgemeinwohles zielt? Diese Frage führt zur dritten Erkenntnis. Sie ist nur dann möglich, wenn die Wähler diese Politik wollen und mittragen – mit all den Verzichten, Kosten, Einschränkungen und Umwälzungen, die dies verlangt. Es gibt in unserer Gesellschaft durchaus so etwas wie Solidarität. Doch wie weit reicht sie? Es ist die große Errungenschaft des Nationalstaates, dass sich seine Bürger als Solidargemeinschaft verstehen. Im Allgemeinen endet unser Solidaritätsbewusstsein aber an den Grenzen unseres Staates, unserer Gesellschaft. Die große Herausforderung besteht darin, die Bereitschaft zur Solidarität über die Grenzen des Staates auszudehnen. Weltgemeinschaftsinstitutionen kann es letztlich nur geben, wenn es ein Weltgemeinschaftsbewusstsein gibt. Wie kann die neue Bewusstseinshaltung entstehen?

Damit sind wir bei der vierten Erkenntnis. Zukunftstaugliche Politik setzt gesellschaftliche Institutionen voraus, die den zukunftsfähigen Bürger hervorbringen. Politik ist auf gesellschaftliche Gruppen angewiesen, in denen der demokratische Konsens für eine zukunftsfähige Politik entsteht, ohne den sie nicht möglich ist. Viele Gruppen können hier in den Blick kommen, wie die Gewerkschaften, die Vereine, Verbände, weltanschaulich geprägte Zusammenschlüsse, die Religionen.

Eine, und in Luxemburg historisch gewachsen, die größte gesellschaftliche Gruppe, die ihren Mitgliedern Werte vermitteln will, ist die katholische Kirche.

Häufig sieht man die Kirche als Garant einer bestehenden Ordnung. Die einen begrüßen dies, die anderen sehen in ihr den großen Bremsklotz der Emanzipation. Beides hat es in der Geschichte gegeben; beides geht am Wesen von Tradition und an der eigentlichen Aufgabe der Kirche vorbei. Tradition und Kirche haben sich in den Dienst der Hervorbringung neuer Ordnungen zu stellen, die die Herausforderungen des Heute und des Morgen bewältigen können.

Damit soll nicht gesagt sein, die Kirche „besäße“ die Wahrheit. Auch sie ist auf der Suche nach den richtigen Antworten und den richtigen Haltungen, mit denen die Zukunft bewältigt werden kann. Die Tradition der Kirche stellt ein großes Experimentierfeld gelungener und missratener Antworten auf die jeweilige Gegenwart dar. Daraus kann die Kirche lernen, wie Zukunftsfähigkeit gewonnen werden kann und welche Gefahren drohen. Sie muss allerdings bereit sein, sich kritisch mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen, dazuzulernen. Sie muss heute auch dafür offen sein, dass Menschen, die außerhalb der Kirche zu Erkenntnissen und zu einer neuen Selbstdeutung gefunden haben, die kirchliche Überzeugungen korrigieren. Wenn sie das tut, kann sie einen unverzichtbaren Dienst an der Gesellschaft leisten. Sie lädt die gesamte Gesellschaft zu einer Partnerschaft in der Suche nach Antworten ein. In diese Partnerschaft kann jeder, auch die Kirche, seine Überzeugungen einbringen. Jeder, auch die Kirche, muss sich herausfordern lassen und kann andere herausfordern. Wenn die Kirche mit gutem Vorbild vorangeht, kann sie auch von allen anderen Diskursteilnehmern selbstkritische Korrekturoffenheit unter der Herrschaft des für alle nachvollziehbaren besseren Vernunftargumentes verlangen.

Kirche
 im gesellschaftlichen Dialog

Indem die Kirche sich so in den gesellschaftlichen Dialog begibt und sich auf das bessere Argument einlässt, ist sie auch für den Staat ein unverzichtbarer Partner. Der Staat braucht gesellschaftliche Gruppen, die die Werthaltung hervorbringen, auf dem seine Politik fußen kann. Darüber hinaus bedarf Politik gesellschaftlicher Gruppen, die um einen demokratischen Konsens ringen.

Ja, man kann die Frage nach der richtigen Wertorientierung von der nach der richtigen Politik gar nicht trennen. Das sei an dem Beispiel des „Islamischen Staates“ erläutert. Was ist die richtige Haltung gegenüber den Terroristen? Milde? Hass? Nachsicht? Aggressivität? Zorn? Die Antwort hängt entscheidend davon ab, welche Politik man für die richtige hält: Resozialisation? Bekämpfung? Eindämmung? Abschreckung? Vernichtung? Eine Werthaltung ist also dann angemessen, wenn sie das Gegenstück zur richtigen inhaltlichen Lösung darstellt. Daher müssen sich die gesellschaftlichen Gruppen – muss sich die Kirche auf den inhaltlichen Diskurs über die richtige Politik einlassen – wollen sie als Wertlieferant nicht belanglos sein.

Weltanschauung, Religion und Kirche sind also nicht nur Privatsache. Die Träger von Weltanschauungen und der Staat sind keine gegeneinander abgeschotteten Wirklichkeitsbereiche. Kirche und Gesellschaft brauchen den weltanschaulich neutralen Staat, weil sie erst unter der Trennung von Wahrheitssuche und Rechtsgewalt Argumente ihre Überzeugungskraft entfalten können.

Der Staat braucht gesellschaftliche Gruppen wie die Kirche, die den Dialog über die richtigen Antworten pflegen, ihren Mitgliedern die entsprechende innere Bereitschaft vermitteln, richtige Politik mitzutragen. Schließlich vermitteln erst die Weltanschauungen dem Bürger einen Sinnhorizont für das Eintreten für Zukunft. Der Staat darf dies aufgrund seiner weltanschaulichen Neutralität erst gar nicht versuchen. Ein Staat, der Religion und Weltanschauungen für Privatsache hält, schadet vor allem sich selbst. Der Staat und die Institutionen, die sich wie die Kirche über Überzeugungen definieren, sind Partner in der Suche nach Antworten und Lösungen im Dienst an einer humaneren Zukunft.

[Artikel am 31. Oktober 2014 im Luxemburger Wort veröffentlicht, S. 12-13.]

Prof. Dr. habil. Gerhard BEESTERMÖLLER gerhard.beestermoeller lsrs.lu
 
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