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25. Juni 2015

Der Monotheismus – Quelle der Gewalt oder des Friedens

Prof. Dr. habil. Gerhard Beestermöller

Zu einer interessanten Debatte über ein kontroverses Thema

Alle großen Religionen verstehen sich selbst als eine Quelle des Friedens. Dem steht die Haltung vieler gegenüber, die die Religionen für eine der gefährlichsten Kriegsursachen halten. Wie gewalterzeugend sind Religionen? In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde die Debatte hierzu durch den Ägyptologen Jan Assmann neu entfacht. Für ihn sind es besonders die monotheistischen Religionen, die zu Gewalt neigen. Im Zentrum seiner Argumentation steht die Sinai-Erzählung, insbesondere der Bericht von dem Befehl zum Massaker als Strafe für den Tanz um das Goldene Kalb, den Mose dort erteilt (Ex 32). Assmann sieht hierin die Gründungsurkunde eines Wahrheitsverständnisses, für das die eigene Religion absolut wahr, die anderen Religionen absolut falsch sind. Deshalb besitzen sie kein Daseinsrecht und müssen bekämpft werden.

Der 9/11, die Taliban, der IS – all dies goss erst richtig Öl ins Feuer. Allerdings hat die Theologie die Interpretation des Glaubens als Gewaltquelle nicht widerspruchslos hingenommen. Einer der profiliertesten und schärfsten Kritiker der Assmann-These ist Rolf Schieder. Auf dessen Gegenattacke reagierte Assmann aber nicht etwa polemisch, sondern – wie es Schieder respektvoll und dankbar in dem von ihm in 2014 herausgegeben Buch ausdrückt – konziliant und lud ihn ein, gemeinsam über die Fragen nachzudenken und weitere profilierte Wissenschaftler dazu einzuladen.
Herausgekommen ist ein spannendes Buch [1]in dem Assmann und Schieder im Dialog ihre Positionen profilieren und sich einander annähern.

Der Tanz um das Goldene Kalb

Im Kern geht es um die Frage, welche Beziehung zwischen der alttestamentlichen Figur des Moses, dem Monotheismus sowie dem Umgang mit Gewalt besteht. Insbesondere geht es um den im Buch Exodus berichteten Tanz der Israeliten um das Goldene Kalb. Mose, erbost über den Abfall Israels von Jahwe, ließ 3 000 Israeliten erschlagen. Assmann, so wurde er jedenfalls zunächst von vielen verstanden, sah hierin den mehr oder weniger historischen Bericht von der Entstehung des Monotheismus, der damit einhergehenden Unterscheidung von absolut wahrer und falscher Religion und einer aus dieser Unterscheidung hervorgehenden Gewalt gegen die, die sich nicht zur Wahrheit bekennen. Dieses Paradigma hat sich, so die These, in der Geschichte, insbesondere der von Islam und Christentum immer wieder unheilvoll in religiöser Gewalt realisiert.

Allerdings gibt es für Assmann noch einen zweiten Strang in der Auslegung der Moses-Figur. In der Aufklärung wurde die Moses-Figur zum Symbol einer „Sowohl als auch“-Religion; einer Religion, die sowohl an der Wahrheit der je eigenen Religion festhält als auch die Wahrheit in anderen Religionen respektiert. Denn Moses galt aufgrund seiner Erziehung am Hof des Pharaos als respektvoll gegenüber dem ägyptischen Kosmotheismus und als Semit als Anhänger der Jahwe-Religion. Für Assmann kommt alles darauf an, dass sich die Religionen vom „wahr/falsch-Schema“ ab und zum „sowohl/als auch“-Paradigma hinwenden, wenn es Frieden auf dieser Welt geben soll. Klaus Müller weist darauf hin, dass es in der katholischen Theologie eine große Tradition des „sowohl-als auch“-Denkens gibt. Gott ist hier sowohl Person als auch der umfassende All-Eine.

Peter Sloterdijk schließt sich Assmann an, modifiziert dessen These aber nicht unwesentlich. Für ihn geht es im Sinai-Bericht um das Programm eines totalen Volkes, in das der Einzelne sich ganz und gar einordnen muss. Die Gewalt, von der in Ex 32 berichtet wird, richtet sich gegen Volksgenossen, gegen Abweichler, nicht nach außen. In der Moderne, in der nicht mehr das Volk, sondern der Einzelne Träger von Souveränität geworden ist, ist dieses Projekt überwunden.

Die Antwort von Schieder ist zweigliedrig. Einerseits wendet er sich gegen die Interpretation der Sinai-Erzählung als ein zur Nachahmung vorgestelltes Vorbild religiöser Gewalt. Der Sinai-Bericht wurde erst im Licht des Unterganges des Staates Israel im 6. Jahrhundert v. Chr. verfasst. In diesem Bericht schafft sich Israel, nachdem es sein Land und seinen König verloren hat und in die Verbannung geführt wurde, eine neue Identität als ein Volk. Israel wird ein Volk, das sich in Bindung an Gott auf Recht gründet. Schieder sieht in der Sinai-Erzählung die Blaupause abendländischer Rechtsstaatlichkeit.

Andererseits nimmt Schieder Assmanns Konzept der „Sowohl/als auch“-Religion auf und erweitert es um eine dritte Dimension: die Zivilreligion. Zu allen Religionen gehört auch eine theologische Deutung politischer Gemeinschaft. Heute kommt es darauf an, eine Theologie der Zivilreligionsfreiheit zu entwickeln, in der Freiheit und Religion einander stützen.

Von anderen Autoren wird gegen Assmann vorgetragen, dass der biblische Monotheismus seine Wurzeln nicht im Moses-Narrativ, sondern in den Psalmen habe und in der Weisheitsliteratur mit einem Friedensethos verbunden wurde (Bernhard Lang und Markus Witte); dass polytheistische Religionen nicht weniger Gewalt hervorgebracht haben und die biblischen Gewaltgeschichten nicht historisch zu lesen sind (Micha Brumlik, Marcia Pally); dass die Beziehung der drei Religionen im Mittelalter, dem Zeitalter der Religionen, gerade nicht mit der undifferenzierten Alternative „tolerant/intolerant“ beschrieben werden kann (Dorothea Weltecke)

„Gedächtnisgeschichte“

Assmann stimmt diesen Einwänden zu. Er räumt ein, dass er sich in früheren Publikationen nicht hinreichend unmissverständlich geäußert habe. Ihm geht es nicht primär um die Exegese der biblischen Texte, sondern um das, was er Gedächtnisgeschichte nennt: um das, was aus den Texten gemacht wurde. Hier ist eben festzustellen, dass die Mose-Erzählung dominant wurde und immer wieder Gewalt legitimierte. Diese Tatsache wird auch nicht dadurch geschmälert, dass polytheistische Religionen gewalttätig sein können. Darüber hinaus macht Assmann deutlich, dass er keineswegs die Meinung vertritt, dass der Monotheismus notwendigerweise in Gewalt umschlagen muss. Es besteht hierzu allerdings eine große Gefahr. An dieser Stellt bricht Danielle Dell’Agli in seinem Beitrag mit Assmann. Für ihn besitzt der Monotheismus einen inhärenten Gewaltgenerator.

In einem Punkt korrigiert sich Assmann. Es ist weniger die „wahr/falsch“-Differenz als die von „treu/untreu“, die zur Gewalt führt. Im Massaker von Ex 32 geht es um die Bestrafung der Untreuen. Sie werden zu Feinden. Die Feind-Kategorie ist erst viel später auf andere Völker übertragen worden. In Christentum und Islam habe sie unheimlich fortgewirkt. Nur das Judentum habe Auslegungstechniken entwickelt, die diesen Texten die Legitimation von Gewalt nehmen.

Eine eigene, hochinteressante Sicht legt Reinhard Schulze vor. Von religiöser Gewalt kann erst geredet werden, seitdem die Einheit von geistlich und weltlich nicht mehr bestehe, seitdem Staat und Religion auseinander getreten sind, also erst seit der Neuzeit. Erst jetzt gibt es das genuin Religiöse. Erst jetzt gibt es genuin religiöse Gewalt. Im „Postulat eines inhärenten Zusammenhangs von Religion und Gewalt“ versucht die Moderne, „ihre eigene Gewalttätigkeit zu bewältigen“ (359).

Beeindruckend ist die Klarheit, mit der Assmann Missverständnisse seiner These zurechtrückt, an denen er vielleicht nicht ganz unschuldig ist: „Wenn es wirklich so ist, dass ich… den Eindruck erweckt habe, dass Mose Ägypter war, er von Echnaton beeinflusst wurde und dessen Monotheismus übernommen hat, dieser Monotheismus inhärent gewalttätig ist und die Gewalt in eine bis dahin friedfertige polytheistische Welt gebracht habe, ich einer ‚romantischen Polytheismussehnsucht‘ anhänge und ich einen neuen Kosmotheismus propagiere, dann möchte ich diesen Unsinn hier in aller Deutlichkeit widerrufen.“ (52)

Der Band beeindruckt durch das hohe Reflexionsniveau und die ungeheure Bildung, die hier in Anschlag gebracht werden. Auch wird deutlich, wie komplex das Verhältnis von Religion und Gewalt ist. Es entzieht sich jeder Schwarz-Weiß-Malerei und jeder billigen Polemik in die eine oder andere Richtung. Wenn es erlaubt ist, eine kritische Anfrage zu formulieren, möchte ich feststellen, dass jeder der Beiträge implizit eine je eigene, nicht weiter begründete Ethik der legitimen bzw. illegitimen Gewaltanwendung vorträgt. Mag sein, dass die Kategorie der Gewalt im Namen Gottes höchst fragwürdig ist. Ist aber jede Gegengewalt z. B. gegen den Terror der IS illegitim? Wenn nicht, wie verhält sich diese Gegengewalt zu einer Praxis, die an der Bergpredigt Maß nimmt?

[Artikel am 25. Juni 2015 im Luxemburger Wort – Die Warte veröffentlicht, S. 15-16.]


[1Die Gewalt des einen Gottes. Die Monotheismusdebatte zwischen Jan Assmann, Micha Brumlik, Rolf Schieder, Peter Sloterdijk und anderen, Rolf Schieder (Hg.), Berlin University Press, Berlin 2014; geb. Ausgabe; ISBN-13: 9783862800674.

Prof. Dr. habil. Gerhard BEESTERMÖLLER gerhard.beestermoeller lsrs.lu
 
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