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27. Februar 2020

Staat, wie hältst du’s mit der Religion?

Annette Schavan zu Gast an der LSRS

Auf Einladung des deutschen Botschafters in Luxemburg, Dr. Heinrich Kreft, sowie des Direktors der Luxembourg School of Religion & Society (LSRS), Prof. Dr. Jean Ehret, war die ehemalige deutsche Bundesministerin für Bildung und Forschung und spätere deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Frau Annette Schavan, am 27. Februar 2020 zu Besuch an der LSRS.

Im Rahmen eines hochkarätig besuchten Executive Lunches, an dem Vertreter verschiedener politischer Couleur, Vertreter der Religionsgemeinschaften und anderer Weltanschauungen, Personen aus dem öffentlichen Leben, sowie Mitglieder verschiedener nationaler und europäischer Institutionen teilnahmen, sprach Frau Schavan über das Verhältnis von Staat und Religion.

Dabei stellte sie am Beginn ihres Referates die Frage, ob Religion in unserer heutigen Zeit und unserer aktuellen Gesellschaft überhaupt noch eine relevante Größe darstelle und verwies dabei auf die Diskussion um den Gottesbezug in der Präambel der EU-Verfassung. Sehr zur Überraschung der Zuhörer konstatierte Schavan eine Dominanz der Religion bzw. der Religionen in der Welt und sprach im Hinblick auf die Entwicklungen in Asien geradezu von einer „Renaissance von Spiritualität“.

Das Phänomen des Religiösen kehrt auch in Europa wieder auf die Bühne der Politik, zeigt sich aber in neuen Gesichtern. Im 21. Jahrhundert ist es nicht mehr legitim, von Religion im Singular zu sprechen, sondern es muss von Religionen im Plural die Rede sein. Dieser Plural fordert heraus und lädt ein zum Dialog der Religionen untereinander, zum Dialog der Religionen mit der Gesellschaft und zum Dialog der Religionen mit der Politik.

Gleichzeitig hat Schavan aber auch die Gefahren im Blick und warnt vor einer Ignoranz zwischen Staat und Religion, die zu Desinteresse, zum Nichtwissen, zum Nichtverstehen bis hin zu Abneigung und Aggression führen kann; ebenso darf es nicht zu einer wechselseitigen Vereinnahmung von Staat und Religion(en) kommen.

Auf die Frage, was denn die große Aufgabe des Christentums in Europa sei, antwortete Schavan, dass es wichtig sei, aus der Geschichte und Kultur des Christentums zu neuen Wegen zu gelangen und gegenseitiges Interesse zu zeigen, der Staat an den Religionen sowie die Religionen am Staat, um ein fruchtbares und friedliches Miteinander in einer pluralen Gesellschaft zu ermöglichen. Dass die humanistischen Weltanschauungen, die sich nicht durch die Ablehnung der Religionen definierten, sondern aus ihren eigenen Quellen ihre Werte schöpften, dabei auch einbezogen werden sollten, bedachte der Direktor der LSRS.

Prof. Dr. Georg Rubel

Nach dem Executive Lunch traf sich Frau Schavan mit Kardinal Jean-Claude Hollerich. Die Sorge um die Einheit Europas und die Frage nach dem Beitrag, den die Kirche in dieser Zeit leisten kann, bestimmten einen Teil des Gesprächs. Des Weiteren ging es um das nachsynodale apostolische Schreiben Querida Amazonia von Papst Franziskus und die Diskussionen um den Zölibat, die das eigentliche Thema, nämlich die Situation im Amazonasgebiet, verdecken.

Mit dem Erzbischof besprach Frau Schavan aber auch die Situation der Kirche in Luxemburg, die nicht nur durch die neuen Konventionen, die mit dem Staat geschlossen wurden und damit u. a. durch den Wegfall des Religionsunterrichts gekennzeichnet ist, sondern vielmehr durch einen Schwund an Gläubigen und den Einbruch der bestehenden Strukturen. Kirche wird in diesem sehr schmerzlichen Kontext ein neues Selbstverständnis und neue Formen der Präsenz entwickeln müssen.

Am Nachmittag lud der Direktor die Kolleginnen und Kollegen der LSRS zu einem offenen Austausch mit Frau Schavan ein. Dies erlaubte es dem Gast, die LSRS mit ihrer Geschichte, ihrem Auftrag und ihren Strukturen in ihren Vertretern kennen zu lernen.

In diesem Kontext kamen auch die immer noch bestehenden Wunden zum Ausdruck, die dadurch entstanden sind, dass die Kirche eingewilligt hatte, den Religionsunterricht aufzugeben. Daran schließen sich aber auch die Schmerzen an, die entstehen, wenn die kirchlichen Strukturen, in denen Menschen sich aus ihrem Glauben heraus engagiert haben, und damit wichtige existentielle Orientierungspunkte wegbrechen.

Frau Schavan ging auf die Rolle der Theologie ein, die „klären und aufklären“ will. Darin sieht sie einen unumgänglichen Beitrag dieser Disziplin für die Gesellschaft. Sie würdigte insbesondere das Modell der theologischen Institutionen als kulturelles Laboratorium, wie es Papst Franziskus in Veritatis Gaudium, wünscht; sie verwies aber auch darauf, dass der Normenteil dieses Dokumentes dieser Herausforderung nicht angepasst ist.

Beim Executive Lunch war sie indes schon auf die Nihil-obstat-Verfahren zu sprechen gekommen: sie drücken eine Kontrolle aus, die eine grundlegende Loyalität – ein für Frau Schavan zentraler Begriff und ausreichende Bindung – übergeht. Christliche Bildung und Forschung haben in ihren verschiedenen Ausprägungen neue Wege zu beschreiten; zu oft aber, so Frau Schavan, bremsen oder blockieren kirchliche Institutionen Aufbrüche, die sich im Alltag derer, die den Glauben leben, bedenken, verkünden, entwickelt haben.

Als Forschungs- und Bildungsinstitution, für die der Dialog mit den anderen konventionierten Religionsgemeinschaften und mit den gesellschaftlichen Akteuren eine transversale Dimension darstellt, sieht sich die LSRS durch diese Begegnung mit Frau Schavan in ihrer Mission bestärkt und ermutigt, sich als kulturelles Laboratorium, das nicht allen Auflagen einer kirchlichen Fakultät unterstellt ist, weiterzuentwickeln.

Prof. Dr. Dr. Jean Ehret

Fotos: ©LSRS

 
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