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2. Oktober 2017

Der Islam als Herausforderung für Europa

Islamkenner Ruprecht Polenz warb für einen Dialog auf Augenhöhe

Bei einem Executive-Lunch an der Luxembourg School of Religion & Society warb der Islamkenner und ehemalige langjährige Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, Ruprecht Polenz, für einen klischeefreien Umgang mit dem Islam und einen Dialog auf Augenhöhe.

Ein Schwerpunkt des Departements „Public Responsibility“ der jungen LSRS ist der interreligiöse Dialog. In diesem Bereich gibt es bereits viele Initiativen und Ansätze, die alle unter dem großen Vorbehalt der politischen Konjunktur stehen, denn der Islam ist, mehr als andere Religionen, eine Verbindung aus Religion und Politik. Aber auch das Christentum ist in seinen Paradigmen abhängig von der politischen Konjunktur. Deshalb ist der christlich islamische Dialog, trotz sehr positiven Ansätzen seit dem 2. Vatikanischen Konzil, mit dem 11. September, dem Anstieg der Flüchtlingszahlen und den vielen Konflikten in der islamischen Welt, sehr viel schwieriger aber auch sehr viel dringlicher geworden. So gesehen war es eine sehr positive Erfahrung, dass die LSRS mit Ruprecht Polenz, einem Juristen mit langjähriger politischer Erfahrung als einflussreicher Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, einen Praktiker der politischen Koexistenz gefunden hatte, der abseits von der aufgeheizten tagesaktuellen Debatte die Begriffe auf einen Punkt und die Sphären trennen konnte, und dazu noch über eine reiche Erfahrung verfügte. Sein Hauptanliegen war eine nüchterne Analyse der inneren und äußeren Faktoren im Bezug zum Islam. Mit der Zuwanderung seien aus globalen außenpolitischen Ereignissen auch Ereignisse mit innenpolitischen Komponenten geworden. Das zeigt am besten die aufgeheizte Erdogan Debatte der letzten Monate.

In der Defensive zum Islam hätten viele Politiker heute die jüdisch-christliche Kultur des Abendlandes neu entdeckt, erklärte Ruprecht Polenz. Aber eine solche Kultur hat es nie gegeben. Die jüdischen Eingeladenen die sich wegen ihres Neujahrsfestes entschuldigt hatten, hätten dies bestätigen können. Europa sei seit dem Mittelalter eher von einer Kultur des Antisemitismus geprägt. Der Referent bemerkte in diesem Zusammenhang, dass der heute wieder so populäre Begriff Abendland in keinem politischen oder diplomatischen Dokument der EU enthalten ist. Das Abendland sei erst durch Samuel Huntington und seinem Buch „The Clash of Civilizations“ als Begriff eingeführt worden. In Bezug auf den Islam sei dieser Begriff jedoch unangebracht. Wer Religion und Politik vermische, spiele dem IS in die Hände. Deshalb darf „terroristische Gewalt nicht religionisiert werden“, sondern muss als das bezeichnet werden, was sie ist: kriminell. Auch der Begriff Leitkultur, der in Deutschland in den 1990er Jahren entstanden ist, hätte nicht zu einer Versachlichung der Begriffe beigetragen. Eine Kultur könne im westlichen Kulturkreis genauso wenig verbindlich sein wie die Religion, dies kann nur das Recht. Deshalb plädierte Polenz für Null Abstriche bei Rechtsverbindlichkeit und keine Kulturvorbehalte. Aber er plädierte auch für ein Freiheitsrecht, das Unterschiede in Religion und Kultur schützt.

Bei der anschließenden sehr lebhaften Diskussion mit den 20 geladenen Gästen kamen Vertreter verschiedener Religionen zu Wort, unter anderem ein vom Christentum zum Islam konvertierter Franzose und eine Bahai-Gläubige, die im Iran aufwuchs. Während der Franzose von leeren Kirchen im Westen sprach, berichtete die Iranerin von leeren Moscheen im Gottesstaat Iran. Die Erweckungsbewegung der arabisch-islamischen Welt, die schließlich zum politischen Islam und der Muslimbruderschaft als Lösung aller vermeintlichen Probleme geführt habe, sei keine eigentliche religiöse Bewegung, sondern eine Reaktion auf ein Gefühl der Unterdrückung des Islams durch die westlichen Kolonialherren. Die Iranerin warnte auch davor, im Kopftuch nur ein Kleidungsstück zu sehen, wie der Referent in seinem Vortrag betonte. In der islamischen Welt sei ein Kopftuch auch ein Symbol der Unterdrückung der Frau, das jeglichen Fortschritt behindere.

EU Beitrittsgespräche mit der Türkei nicht abbrechen

Im zweiten Teil des Dienstessens sprach Ruprecht Polenz über die Türkei, ein Land das er sehr gut kennt. Einen wirklichen Laizismus wie in Frankreich habe es in der Türkei auch unter Atatürk nie gegeben. Es habe lediglich eine Indienstnahme der Religion durch den laizistischen Staat stattgefunden. Polenz gab zu bedenken, dass die Türkei auch noch lange unter Erdogan als Rechtsstaat und Demokratiemodell in der Region gegolten habe und dass erst seit 2010 ein Rückschritt in die Autokratie festzustellen gewesen sei. Dennoch warnte er vor einem Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen von europäischer Seite, immerhin sei die Türkei als Brücke zwischen Europa und Asien ein entscheidendes geographisches Land. Lediglich, wenn die Türkei die Tür selber zuschlägt, sollte man diesen Schritt akzeptieren, sonst könnte Erdogan am meisten von diesem Abbruch profitieren. Polenz wertete das äußerst knappe Verfassungsreferendum nicht als Abbruch aller Brücken zur EU, fast die Hälfte der Bevölkerung sei dagegen gewesen. Nüchtern gesehen habe die Türkei außer der EU kaum eine gangbare Alternative. Polenz empfahl der EU wirtschaftliche Maßnahmen als Reaktion auf die verschärften Attacken und den Abbau der Demokratie in der Türkei. Nur eine Kultur der Aufklärung könne Europa und den Islam weiterbringen. Europa muss lernen von seinen Klischees in Bezug zur Türkei und dem Islam loszukommen. Die weit überwiegende Mehrheit der Muslime lebe heute in Asien und nicht in der arabischen Welt, auch wenn diese Region uns am nächsten ist. Beispiele für ein gelingendes Miteinander zwischen Christen und Muslimen gebe es vor allem in Singapur und Indonesien. Diese Beispiele gelte es verstärkt ins Bewusstsein zu rücken, auch im christlich islamischen Dialog.

Im Anschluss an das Dienstessen fand noch ein eher interner, sehr fruchtbarer Austausch zwischen den Mitarbeitern des LSRS und dem Referenten und dem deutschen Botschafter in Luxemburg, Heinrich Kreft, statt. Die deutsche Botschaft war Mitveranstalter der Veranstaltung.

Bodo BOST bodo.bost lsrs.lu

Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der LSRS

 
LUXEMBOURG SCHOOL OF RELIGION & SOCIETY
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L-2728 Luxembourg

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